LdT-Forum » Drogen & Gesellschaft » Politik & Justiz » Bericht des Bundesdatenschutzbeauftragten zum Staatstrojaner
| Autor | Beitrag | |
Cortex
Traumländer
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| Geschrieben: 26.04.12 04:08 | Quelle:
 http://ccc.de/de/updates/2012/schaar-bericht
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In den bisher vierzig Fällen des Einsatzes von Spionagesoftware durch polizeiliche Bundesbehörden wurden in einem Bericht des Bundesdatenschutzbeauftragten schwere Verstöße gegen geltendes Recht beanstandet. Die Ermittler schreckten auch nicht vor dem Aufzeichnen und einer Verschriftlichung von Telefonsex-Dialogen zurück.
Als der Chaos Computer Club (CCC) den Staatstrojaner enttarnte , wurde nach einigen Tagen der innenministeriellen Konfusion und des verwirrten Abstreitens Besserung, vor allem aber Aufklärung und Transparenz versprochen. Die Datenschutzbeauftragten in Bund und Ländern sollten sich des Falles annehmen und gründlich hinterfragen, was sich an verfassungsrechtlichen Problemen und technischen Unzulänglichkeiten angehäuft hatte.
Der Bericht des bayerischen Landesdatenschutzbeauftragten steht noch aus, doch der Bericht des Bundesdatenschutzbeauftragten Peter Schaar zu seinen Untersuchungen zum Thema Staatstrojaner liegt nun öffentlich vor. Nicht direkt freiwillig, eigentlich sollte dieser Text unter Verschluß bleiben. Nun ist der Datenschutz-Bericht trotzdem der Öffentlichkeit zugänglich geworden und bestätigt viele Befürchtungen. Das Bundeskriminalamt (BKA) und das Finanzminister Wolfgang Schäuble unterstellte Zollkriminalamt (ZKA) sind demnach ebenfalls DigiTask-Kunden, für das BKA existiert sogar ein Rahmenvertrag.
Eine tatsächliche tiefgehende inhaltliche Prüfung der Staatstrojanerversionen war auch Schaar nicht möglich – keine der Bundesbehörden hatte Zugang zum Source Code. Das BKA weigerte sich zudem, den Prüfern den Binärcode zur Einsicht zu überlassen.
Zollkriminalamt und Bundespolizei ließen noch weniger Kontrollmöglichkeiten als das quasi im Blindflug ohne Quellcode agierende BKA: Nicht einmal die Software selbst, keinerlei Versionskontroll-Möglichkeiten oder auch nur ordentliche Handbücher lagen vor. Teilweise wurde das Ausspionieren komplett an DigiTask ausgelagert. Damit wurde die Ermittlung vollständig als Auftrag an eine private Firma vergeben.
Drastisches Beispiel ist ein ganz klar zum geschützten Kernbereich gehörendes Telefonsex-Gespräch, das in Schaars Bericht dokumentiert wird: Die Ermittler vermerkten akkurat "Liebesbeteuerungen" und "Selbstbefriedigungshandlungen" zwischen "15.52 Uhr und 16.01 Uhr". Dieser klare Eingriff in den grundgesetzlich absolut geschützten Kernbereich der privaten Lebensgestaltung führte nach der Aufzeichnung nicht einmal zur Löschung, wie es geboten gewesen wäre.
Auch die Löschung des Staatstrojaners nach Ablauf der vom Richter genehmigten Frist bereitete den Behörden Schwierigkeiten, sie wurde aufgrund technischer Unzulänglichkeiten auch schon mal um mehr als einen Monat überzogen. Ohnehin war der Löschvorgang nur ein logisches Löschen, die Software ist also einfach wiederzufinden, da sie nicht überschrieben wurde. Dies ist bei dem amateurhaften DigiTask-Spionageprodukt auch gar nicht vorgesehen.
Offenbar planen die Behörden dennoch weiter mit dem Skandallieferanten DigiTask zusammenzuarbeiten. Er soll laut dem Bericht mit technischen Erweiterungen beauftragt worden sein, konnte bisher jedoch nicht liefern.
Ohne ausreichende rechtliche Grundlage wurde der Staatstrojaner in Bund und Ländern dutzendfach eingesetzt, um die Computer von Verdächtigen zu infiltrieren. Schaar kommt zu dem Ergebnis, daß der Gesetzgeber nachbessern muß. Sowohl § 100a StPO als auch § 23z Zollfahndungsdienstgesetz seien keine hinreichende Rechtsgrundlage, da sie dem Urteil aus Karlsruhe nicht genügten. Warum die Ermittler nicht direkt an Skype herantreten, ist Schaar ohnehin nicht ersichtlich.
Grundsätzlich stellt sich die Frage, inwieweit auch die richterlichen Beschlüsse hinterfragt werden müssen. Schaar gibt hier mangels Zuständigkeit keine Bewertung ab. Es bleibt zu fordern, daß in Zukunft der Richterbeschluß – besonders bei intensiven Grundrechtseingriffen – einer Prüfung auf Rechtmäßigkeit unterzogen werden kann.
Schaars Bericht belegt auch, daß die Staatstrojaner-Spezialexperten bei der Programmierung schlampten. Die Fernsteuerschnittstelle des behördlichen Infiltrationsprogrammes kann von praktisch jedem beliebigen Angreifer genutzt und gesteuert werden. Die Kommandos zum Trojaner waren darüberhinaus weder verschlüsselt noch authentifiziert, und die Daten, die die Computerwanze zurückschickte, waren mit dem immer gleichen AES-Schlüssel kodiert.
Schaars Bericht rügt auch, daß die in naher Zukunft geplante Einsichtnahme in den Quelltext bei DigiTask keine tatsächliche Prüfung ersetzen würde. Das BKA selbst sah sich nicht einmal in der Lage zu prüfen, ob der AES-Schlüssel, den der CCC im Rahmen der Staatstrojaner-Veröffentlichung publiziert hatte, auch in der vom BKA genutzten Software steckt.
Dafür gibt es nur zwei Erklärungen: Entweder hat das BKA klaffende Kompetenzlücken oder wollte absichtlich eine ordentliche Auskunft schuldig bleiben. Schaar sah sich durchaus in der Lage eine solche Prüfung selbst durchzuführen und bestätigte, daß der AES-Schlüssel auch beim BKA derselbe wie in den vom CCC veröffentlichten Staatstrojaner-Versionen ist.
Aus dem Bericht geht weiter hervor, daß auch beschlagnahmte Rechner heimlich infiltriert und an die Besitzer zurückgegeben wurden. Das ist ein weiterer klarer Rechtsbruch, da eine Beschlagnahme nur der Sicherung von Beweisen dienen darf.
Es wird leider niemanden überraschen: Nicht um Terrorismus oder Menschenhandel ging es in vielen geprüften Einsatzfällen, es waren in der Mehrzahl die üblichen Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz.
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Mich überrascht das in der tat keines wegs. Aber viele leute (zum teil auch hier im LdT) sind leider ziemlich naiv was solche dinge anbelangt. Da habt ihr es schwarz auf weiß aus einer vertrauenwürdigen und anerkannten quelle!
“A paranoid is someone who knows a little of what's going on.
A psychotic is a guy who's just found out what's going on.”
- William S. Burroughs
"Let me be clear about this. I don't have a drug problem. I have a police problem."
- Keith Richards | |
browny
Traumländer
dabei seit 2009 94 Forenbeiträge
| Geschrieben: 26.04.12 10:35 | Also Jungs, alle Kabel ziehen und Alukappen aufsetzen!
Das der Staat Schindluder mit dem BT betreibt war ja klar, dieser Bericht verdeutlicht das nochmal ganz klar,
danke fürs posten.
Es ist echt unglaublich, was für Dinge in der eigentlich rechtsstaatlichen Demokratie Deutschland passiert
und dass sowohl nix von Seiten des BKA/ZKA's noch sonst wem passiert als auch dass es sowenig Protest
dagegen gibt. Sowas kann einfach nicht sein. Und schön wieder gegen die bösen Drogenkonsumenten.
„Tatsachen muß man kennen, bevor man sie verdrehen kann.“
Mark Twain | |
ehemaliges Mitglied
Ex-Träumer
| Geschrieben: 26.04.12 14:24 | Eine aktuelle Story eines Freundes passt ganz gut zum Thema "Überwachungsstaat". Weil er des Dealens verdächtigt wurde hat sich die Polizei Zutritt zu seinem SMS-Verlauf verschafft, las Facebooknachrichten (!!!) und wusste sehr viel was durch "normale" Ermittlungen nicht ans Tageslicht kommen würde.
Unter anderem werden drei Gelegenheitskonsumenten aus seinem Freundeskreis auf Grund von SMS verdächtigt BTM von Venlo nach Deutschland geschmuggelt zu haben, zu dealen, zu kaufen usw. Ich weiß zwar nicht in wie weit die angezeigten Personen ihre Rechte ausgenutzt haben um die Durchsuchung ggf zu verhindern, trotzdem finde ich Durchsuchungen wegen solcher Lapalien total unnötig.
Die Polizei wusste sogar, dass einer der Freunde zur Zeit starke psychische Probleme hat auf Grund eines Holzrosentrips.
Ich denke die Anzeigen werden eingestellt weil man bis auf die SMS nichts nachweisen kann, trotzdem entstehen ja Anwaltskosten etc. . ACAB!
Ich hielt diese Paranoia die manche Leute haben wenns beim SMS-Schreiben und Telefonieren um Drogen geht immer für stark übertrieben. Mittlerweile zähle ich sie aber auch zur "gesunden" Paranoia.
lg
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The Specialist
Moderator
dabei seit 2007 2.771 Forenbeiträge 9 Galerie-Bilder
| Geschrieben: 26.04.12 17:26 |
CCC schrieb: Die Ermittler vermerkten akkurat "Liebesbeteuerungen" und "Selbstbefriedigungshandlungen" zwischen "15.52 Uhr und 16.01 Uhr". hat mich doch glatt an "das leben der anderen" erinnert. wir könnten die BRD eigentlich in NDDR umbenennen, wie wärs?
was mich noch wundert ist, dass diese amateure die sekunden nicht aufgeschrieben haben. meiner ansicht nach ne riesen schlamperei. sonst sind die doch auch immer so genau.
ahói “Man muss die Menschen bei ihrer Geburt beweinen, nicht nach ihrem Tode“
Montesquieu (1689-1755)
http://www.drogenfachgeschaeft.de/
(!) jetzt mitzeichnen fürs BGE > > > http://basicincome2013.eu/ubi/de/ | |
Dippaz
Abwesender Träumer
dabei seit 2009 560 Forenbeiträge 1 Tripberichte
| Geschrieben: 26.04.12 23:57 | das mit dem Bundestrojaner persönliche Rechte verletzt werden war eh klar (schon schlimm genug), aber das die Datenbearbeitung bei einer privaten Fremdfirma geschieht und jeder gute Hacker selber an die Daten kommen und den Trojaner für seine kriminellen Zwecke nutzen kann, ist ja wohl der Gipfel der Inkompetenz
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razcaznaam
Chat-Mod
dabei seit 2009 452 Forenbeiträge 2 Tripberichte 3 Galerie-Bilder
| Geschrieben: 27.04.12 04:56 | So skandalös und inkompetent, wie das ganze ist muss man eigentlich nur warten, bis ein pfiffiger Hacker sich der Sache annimmt, deren Daten klaut oder sonstigen Schindluder damit treibt und das anschließend publik wird.
bleibt nur zu hoffen, dass das einen groß genugen Skandal in den Medien auslöst, das sich die Menschen und vor allem die Politiker mal ernsthaft mit der Problematik der ganzen Sache beschäftigen.
Es schreit ja gerade zu danach.
Lg raz
PS: Darüber zu schimpfen, wie flasch der Bundestrojaner ist lasse ich mal bewusst jetzt außen vor, da dies eh mehr als klar wird in dem Beitrag vom CCC. (Und das soll niemanden zu einer Straftat aufmuntern)
Mitglied des Amnesia Haze Fanclub .eV (razcaznaam, Beta, Konflikt, Deathamphetamine, Chalithra)
Alles was ich schreibe ist fiktiv und hat nichts mit meiner Person zu tun. | |
ehemaliges Mitglied
Ex-Träumer
| Geschrieben: 04.05.12 06:56 |
kackschraube schrieb: Eine aktuelle Story eines Freundes passt ganz gut zum Thema "Überwachungsstaat". Weil er des Dealens verdächtigt wurde hat sich die Polizei Zutritt zu seinem SMS-Verlauf verschafft, las Facebooknachrichten (!!!) und wusste sehr viel was durch "normale" Ermittlungen nicht ans Tageslicht kommen würden
Das ist ein weit verbreiteter Irrglaube. Facebook und Google das sind nicht eure Freund_innnen, die sammeln einfach jegliche Daten, die sie ueber und von euch bekommen koennen. Falls der Staat zwecks Ermittlungen dort an die Tuer klopft, ja was meint ihr, was diese Menschen tun? Auf den Datenschutz verweisen, welchen sie nicht nur nicht gewaehrleisten koennen sondern auch tag taeglich in unzaehligen Faellen umgehen bzw. ignorieren? Die moechten Geld und wenig Stress.
Dennoch gibt es in Deutschland viele widerrechtliche und widerliche Maßnahmen. Die ganze Ueberwachung, welche aufgrund der Terrorismushysterie erst ermoeglich wurde, wirde nicht, wie urspruenglich vereinbahrt, ausschließlich bei Terrorgefahr verwendet, sondern eben auch ganz gerne bei Verdacht auf Drogenhandel. Seit euch immer im Klaren, dass jede Kommunikation unsicher ist. Passt auf was ihr sagt bzw. schreibt und wem ihr das sagt. Das ist kein Aufruf zur Paranoia, nur zum gesunden Menschenverstand und bitte, bitte bitte: macht so einen scheiß nicht ueber Facebook, ICQ, MSN, wenn ihr euch vor den Konsequenzen fuerchtet. Das Internet vergisst eben nicht, somit bleibt alles, auch fuer die Bullen, erhalten. | |
Cortex
Traumländer
dabei seit 2007 846 Forenbeiträge 1 Tripberichte 1 Galerie-Bilder
| Geschrieben: 22.05.12 19:10 | Der punkt ist vor allem der: Der eigentliche ursprung des Terrors liegt nicht bei iwelchen Islamisten, Taliban oder "~Alqaida", sondern bei einigen regierungen selbst, die vorgeben das zu bekämpfen was sie selbst erst insziniert haben...
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