| Tripbericht lesenÜbersicht: | Titel: | Der Weg ist das Ziel: Durch LSD das erste Puzzlestueck gelegt. | | Drogen: | LSD | | Autor: | LC | | Datum: | 11.08.2012 23:59 | | Set: | Reisefieber & auf spiritueller Suche, sehr gespannt auf das LSD, \"I\'m ready\"-Gefuehl | | Setting: | Portugiesisches Oedland, Natur, Festivalgelaende mit großem See, mit Freunden/alleine (1. & 2. Trip) | | Nützlichkeit: | 8,35 von 10 möglichen (17 Stimmen abgegeben) |
Bericht: Ich werde im folgenden Text versuchen beide LSD-Trips zu beschreiben. Sollte der Platz nicht reichen, schreibe ich eine Fortsetzung. Da beide Erfahrungen extrem komplex waren und (fuer mich persoenlich) in die Tiefe gehen, muss ich etwas ausgebreiter schreiben. Hoffentlich koennt ihr etwas mit den Berichten anfangen.
Set, Setting und Konsum
Ich befand mich mit zwei meiner besten Freunde in Idanha-a-Nova (Portugal), auf dem Boom-Festival. Bilder der Location gibt es hier: http://boomfestival.org/boom2012/ Da ich in der letzten Zeit immer noch mit persoenlichen Problemen zu kaempfen hatte (Trennung, suboptimale Familienverhaeltnisse, Selbstzweifel, etc.) erschien mir das Oedland mit dem riesigen See ideal um dort meine ersten Erfahrungen mit LSD zu machen. Den ersten Trip genoss ich mit V und Hund zusammen, knapp eine Woche darauf noch einen eigenen Trip in etwas hoeherer Dosis im gleichen Gelaende. Zu Anfang des Festivals hatten wir drei jeweils eine Pappe á 110µg (Hofmann auf Fahrrad), zu Ende des Festivals konsumierte ich eine California Sunshine mit 200µg. Aus Sicherheitsgruenden wurde immer erst mit einer halben Dosis angefangen und dann ca. 45-60 min spaeter die zweite Haelfte nachgeworfen. Rueckwirkend kann ich sagen dass beide Konsumklimas insofern ideal waren als dass ich Abstand zur Heimat und ihren Problemen hatte, sowohl geographisch als auch mental - die Natur bei Idanha-a-Nova zieht tief in ihren Bann und laesst wenig andere Gedanken zu. Außerdem genießen V und Hund mein absolutes Vertrauen, beide sind warmherzige und gute Menschen mit denen ich eng verbunden bin.
Trip 1 - 110µg
Am Zeltplatz des Gelaendes nahmen wir nach der Daemmerung und dem Abkuehlen der heißen Temperatur jeweils 1/2 110µg-Pappe und begaben uns daraufhin zum Dance Temple, einem großen Zelt mit psychedelischen Artworks blau-gruen-rosanenen Drachen-Dekorationen welche einen Spruehnebel aus Wasser in eine Menge von einigen hundert Goaliebhabern spruehte. In der Menschenmenge, welche sich extatisch zu Psytrance bewegte, wollten wir auf den Trip warten und uns in einen guten Gemuetszustand tanzen. Hund hatte etwas MDMA gedipt, ich nahm auch einen kleinen Finger voll Kristallen da ich wie so oft laenger auf die Wirkung warten musste als die anderen beiden. Dies wird hier jedoch vernachlaessigt da der Effekt nicht besonders groß und eigentlich irrelevant fuer den Trip war. Nach etwa einer Stunde merkte auch ich dass der Effekt einsetzte, jedoch anders als erwartet: Keine bunten Halluzinationen und auch keine Farbintensivierungen wie bei Pilzen beispielsweise. Ich wunderte mich ob ich denn schon drauf kommen wuerde, erst fuehlte ich kaum Veraenderungen in meinem Zustand. Da war das extrem unterschwellige Gefuehl die Energien der Leute spueren zu koennen welche um mich tanzten, die Welt sah allerdings noch immer so aus wie sie vorher aussah. Wir entschlossen uns ueber das Gelaende, welches mehrere Kilometer umfasste, zu wandern. Als ich mir meinen Weg durch die Goanauten bahnte, beobachtete ich die Gesichter der Leute ganz genau: Ihre Vielzahl war nicht zu begreifen, so viele individuelle Menschen, jeder mit einer eigenen Geschichte und einer eigenen Persoenlichkeit. Mich entzueckte dieser Gedanke und ich musste laecheln. Die Vielfalt aller existenten Dinge war unbeschreiblich groß und komplex. Es gibt so viele Dimensionen in denen die Realitaet und die Menschen zu beschreiben sind: Groß/klein, blond/brunett, maennlich/weiblich, kaukasisch/asiatisch/schwarz... Die Sinne schaerften sich, alle Details fielen auf. Und gleichzeitig waren wir doch alle aus der gleichen organischen Masse gemacht, verbunden in der Form unserer Existenz. Waeren all diese Facetten nicht so unbegreiflich faszinierend gewesen, waere das Durchwandern der Menge sicherlich ueberfordernd gewesen. Jedoch hing ueber allem ein mystischer Schleier. Ich hatte den Eindruck dass irgendeine Verbindung zwischen uns allen besteht die weder sichtbar noch fuehlbar war - mir erschien es eher als wuerde ich sie verstehen und nur verstehen. Als ein Konzept in meinem Geiste. Vielleicht war die Einheit immer da, vielleicht erschuf ich sie nur selbst in meinem Bewusstsein. Egal, in beiden Faellen war sie existent, immerhin begriff ich sie doch.
Als wir aus der Menschenmenge herausgeschritten sind offenbarte sich mir ein wundervolles Panorama: Ueber mir der schwarze Sternenhimmel, am Horizont die trockenen Sandberge mit den ausgedoerrten Baeumen, direkt vor mir der Badesee in welchem das Mondlicht weiß und gluehend reflektiert wurde. Durch meine Haare strich ein kuehler, sanfter Wind der sich wohl anfuehlte wie der Atemhauch Gottes selbst sein muesse. Ich sah und fuehlte sehr klar, jede Nuance meiner Umgebung. Fuer mich fuehlen sich Pilztrips an als wuerde ich tatsaechlich in einer surrealen, trippigen Welt sein. Das hier war anders: Obgleich die von mir beobachtete Welt eine Hyperrealitaet haette sein koennen, war sie doch so einleuchtend. Mir erschien die Schoenheit der Natur augenscheinlich und unerforscht zugleich. Was bei Pilzen der kindliche Erforschungsdrang ist - also dieses Dinge-neu-entdecken-Gefuehl - ist bei LSD eher ein Gefuehl von: "Ich entdecke hier ueberhaupt nichts neues, all die Ordnung der Natur, Welt und des Kosmos war schon immer da, nur nehme ich mir jetzt zum ersten Mal die Zeit um diese auch zu beachten."
Waehrend wir am Strand wanderten nahm ich mir die Zeit zu schauen und zu lauschen: Die Millionen hell brennender Sternen, der intensive, jedoch nicht Laute Klang der schwappenden, sanften Wellen, die Duefte der Blaetter und Zweige im Wind - all das vergisst man in seiner Stadt. Man schließt seine Sinne von der Außenwelt ab, ist trainiert darauf vorbeifahrende Autos zu ueberhoeren und Fahrradfahrer die von hinten ansausen und klingeln. Man laeuft ueber Bordsteine ohne nur einen Gedanken daran zu verschwenden ueber wie viele Pflastersteine man laeuft, an wie vielen manigfaltigen Baeumen in den Alleen, usw. Diese Scheuklappen waren verschwunden, da war kein Tunnelblick mehr. Aus Millionen und Milliarden von kleinen Sandkoernen baute die Natur einen kilometerlangen Strand, geziert mit weiteren tausenden Steinen die an Land gespuelt waren, fein saeuberlich angeordnet wie auch all die Baeume auf den Huegeln. Meine Umgebung erschien mir wie das Meisterwerk eines grandiosen, kuenstlerischen Geistes. Stellt euch eine Modelleisenbahn vor die von den besten Modellbauern der Welt konstruiert wurde: Minutioes, mit einem feinen Haendchen und feinen Augen fuer jedes Detail. Selbst jeder, mit der Pinzette feinsaeuberlich platzierte Grasstreu-Halm, wuerde laecherlich und versucht-gezwungen erscheinen im Vergleich mit dieser Szenerie. Wir marschierten weiter um all die Sinneseindruecke auf uns wirken zu lassen. Man konnte alles sehen, riechen, schmecken, hoeren, fuehlen. Selbst der ach so normale Sauerstoff, an welchen wir gewoehnt sind, ist beim Einatmen in tausend facetten fuehl- und schmeckbar: Er ist frisch, kuehl, etwas feucht (durch den Dampf des Sees), erquickend,... Es gibt zu viele Worte um die Komplexitaet dieses simplen Beispiels zu beschreiben. Wir kamen an eine Art Bucht am See, mit alten, riesigen Steinen auf denen problemlos mehrere Menschen Platz finden konnten. Dort saß jedoch niemand, also ließen wir uns auf einem der tonnenschweren, grauem Kolosse nieder. Ich betastete seine vernarbte Oberflaeche die teilweise mit Moos und Flechten bewachsen war. Er schien mit mir zu kommunizieren, allerdings hoerte ich nichts, auch keine Stimme in meinem Kopf. Wir kommunizierten anscheinend auf einer emotionalen Ebene. Ich verstand sein Alter ohne es zu "verstehen": Vielleicht war er schon tausende von Jahren alt, vielleicht noch aelter. Die Zeit, in der die Roemer Europa beherrschten, liegt an meinem Lebensalter gemessen unendlich lang zurueck. Fuer den Riesenstein war dies vielleicht, was fuer mich gestern war. Ich zuendete eine Zigarette an und bat ihn respektvoll darum, mich auf ihn setzen zu duerfen. Ich empfand so viel Respekt fuer ihn, als Mensch fuehlte ich mich in meiner Existenz klein und nichtig neben ihm. Es schien in Ordnung mich zu setzen, solange ich meinen Zigarettenstummel nicht liegenlassen wuerde. Waehrend ich abertausende der Rauchmolekuele in meinem Mund tanzen spuerte, sinnierte ich weiter ueber den Stein. V und Hund waren mit sich selbst beschaeftigt und ich sah in die Ferne, dorthin wo das Wasser am anderen Ende des Sees brach. Ich war wohl im Paradies gelandet: Diese unberuehrt wirkende Natur, sie ist schoener als alle Meisterwerke menschlicher Kunst kombiniert. Das war sicher. Lag ein goettlicher Plan hinter dieser Existenz? Oder zumindest irgendein sublimer Gedanke aus dem all das, was uns umgibt, entspringt? Und selbst wenn ich nicht an Gott glaube, ist der Zufall, durch welchen dieser Planet, diese Flora und Fauna und alles erschaffen wurde, nicht phantastischer und majestaetischer als alles andere in der Welt? Dann realisierte ich dass ich doch ein Teil all dessen bin. Auch wenn ich als einzelner Mensch weniger bedeutungsvoll erscheine als das komplette Oekosystem, so bin ich doch ein Teil all dessen. Selbst wenn meine Rolle vergleichsweise unbedeutend erschien, Bedeutung hatte sie doch allemal. Ich bin zwar nur ein Teil all dessen, dennoch genauso bedeutungsvoll fuer das Gesamte wie alles andere auch. Ich sah den Stein noch einmal an und musste lachen, denn mir erschien es als wuerde er meinen Gedankengaengen zugehoert haben. Er hat in seinem Leben mehr gesehen als ich jemals haette sehen koennen, es schien aber als wuerde er mich nicht weniger fuer voll nehmen als ich ihn. So irre das klingen mag - wir beide schenkten einander so viel Respekt und Toleranz dass es sich fast anfuehlte als haetten wir uns in diesem Moment unzertrennlich miteinander angefreundet. Kommunikation war dazu auch nicht moeglich, wir waren wahrscheinlich schon befreundet bevor wir uns trafen. Alles war befreundet mit mir, die ganze Natur und der ganze Planet mit all seinen Kreaturen. Und da ich mich als Teil von diesem Organismus verstand, musste ich zwangsweise auch mit mir selbt befreundet sein. Wenn ich faehig war all das um mich herum zu respektieren, zu genießen und zu lieben, dann musste ich auch meine eigene Existenz, welche wie gesagt ein Teil des ganzen ist, respektieren, genießen und lieben. Die Glueckseligkeit die ich in diesem Moment empfand ist in Worten niemals auszudruecken, es ist das erfuellenste Gefuehl welches ich bisher hatte.
Frohen Mutes verabschiedete ich mich gedanklich von dem Stein und zog weiter mit V und Hund. Wir kamen zum sogenannten Sacred Fire, einem Garten auf dem Festivalgelaende welcher mit bunten Lampions und Papplampen in Pilzform dekoriert war. Dort holten wir Essen an einem der Staende und setzten uns unter so eine Pilzlampe. Das helle Licht spendete einen unbeschreiblichen Komfort, so kraeftig und warm wie es war. Unter uns lebte die Erde - nach deutschen Maßstaeben gigantische Ameisen krabbelten um uns hin. Mit feinster Motorik und Logistik transportierten sie Strohhalme, groeßer und breiter als ihre eigene Koerperlaenge/ihr Koerperumfang. Die schwarzen Biester waren nicht einfach nur gut organisiert. Ihr ganzes Kollektiv arbeitete wie ein großer, gestimmter Organismus mit einem festen, unverwuestlichen Takt. Wir haetten sie niemals nachahmen koennen, so perfekt funktionierten sie in ihrer Form und ihrem Dasein. Mich ueberkam der Gedanke dass wir nicht "besser" seien als sie, auch nicht aufgrund der ein oder anderen Hirnwindung mehr. Vielleicht bauen wir hi-tech Roboter die Ameisenbewegungen simulieren koennen. Vielleicht haben wir uns das Design von Tragflaechen bei Vogelfluegeln abgeschaut und bei Helikoptern die Fluegelbewegungen einer Libelle nachgeahmt. Aber wir werden niemals frei fliegen wie Voegel oder majestaetisch sein wie Libellen. Dieser Gedanke fuehrte bei mir dazu dass ich meine eigene Bedeutung und Position im Leben wieder einmal verruecken musste: Mir wurde die Distanz zu und die Unerreichbarkeit von dieser koeniglichen Natur bewusst. Und Distanz fuehrte via Selbstreflektion automatisch zu einem noch tiefer greifenden Gefuehl von Respekt.
In diesem Zustand musste ich einfach den Limonadenstand suchen gehen. Ich empfand naemlich auch extrem viel Respekt und Verbundenheit mit V und Hund, wollte dass sie nach einem so sonnigen, strapazierenden Tag gut zu trinken haben. In nuechternem Zustand haette ich den Stand einfach gefunden, er befand sich gerade mal einige Hundert Meter entfernt zwischen all den Baeumen und Bueschen des Garten. Allerdings hatte ich keinen Orientierungssinn mehr. Zumindest nicht in konventionellem Sinne, man konnte nicht mehr in Rastern und Entfernungen denken - alles war eins, und dazu war man auch noch irgendwo im Nirgendwo auf diesem Festival. Auf dem Weg zu dem Stand, an welchem man Getraenke nicht gegen Bezahlung, sondern gegen eine freiwillige Spende bekam, empfand ich diesen Fleck der Erde als meine Heimat und zeitgleich als fremde Wildniss. Philosophisch gesehen verstand ich mich als Reisender der - egal wohin er gehen wuerde - immer irgendwie zuhause zu sein, obwohl er sich in der Fremde befindet. Ich fuehlte mich wie ein Seefahrer dessen Heimat einerseits in seinem Hafen liegt, wobei er doch auch irgendwo auf offener See "zuhause" ist. Ich entschied mich treiben zu lassen, meinem Gefuehl zu folgen. Die Segel einfach in den Wind setzen, sie treiben mich schon zu meinem Zielort. Einfach alles laufen lassen, nur empfinden. Also vertraute ich meinem Gefuehl und lief los. Und siehe da, ich steuerte direkt auf den Laden zu, ganz ohne zu wissen wo ich den hinlief. Als waere auch ein Band zwischen mir und dem Stand gewesen, ich wurde ganz automatisch dort hin getrieben. Nachdem ich drei Glaeser selbstgemachte Zitronen-Kraeuterlimonade geholt und meine Spende hinterlassen habe, lief ich zurueck zu V und Hund. Das Glueck dass aus ihren Augen sprach trug ich auch in mir. Ich nahm Platz und wir genoßen beinahe wortlos unsere Getraenke. Ich habe in meinem Leben nie so ein erfrischendes, wiederauffuellendes und geschmackfrohes Erlebnis gehabt. Was im Normalzustand "nur" ein frischer Softdrink waere, war in diesem Moment wie ein wundervoller, auffrischender und saftiger Zaubertrank. Mich durchstroemten tausende Geschmacksnuancen und die Gewebefasern der Zitronen, welche im Glas schwammen, waren saftig und schienen gesund, naehrend, erfrischend, sauer, sueß, labend und kraftgebend zugleich. Im Hintergrund spielte sanfte Musik die in paralleler Bewegung zu den Wellen des Windes den Koerper und den Geist streichelte. Alles war so erfuellend, der Trank in meinem Magen, der Restgeschmack auf der Zunge, der Geruch von Menschen, ihre vorbeischreitenden Gestalten und ihr Laecheln, die Anwesenheit meiner Freunde, die Anwesenheit der Baeume und Blaetter.
Wir begaben uns wieder auf Reise und streiften durch den Garten hin zu einer steinigen Landzunge am See. Andere Festivalbesucher hatten dort tagsueber Steintuermchen gebaut, diese kleinen Wanderer-Wegweiser die man auch auf alten, asiatischen Zeichnungen sieht (siehe Fotos). Ich wollte herausfinden ob ich auch mit einem aetherischen Band an den Stein gebunden war, so wie auch bei dem Limonadenstand. Ich wiederholte mehrmals dass ich meine Freunde zu dem Stein fuehren wollte und sie uebergaben mir das Kommando zur Navigation. V hatte zuvor ein Kaleidoskop bei einem der Haendler gekauft welches ich zum Navigieren benutzte. Wir scherzten als ich den Kurs bestimmte, auf dem Trip ergaben es Sinn um mit diesem Geraet den Weg wie mit einem Kompass zu bestimmen. Die Halluzinationen bei geschlossenen Augen erinnerten sehr stark an sacred geometry wie auf psychedelischen Bildern oder eben wie im Kaleidoskop zu sehen. Wir alle schienen diese Muster, Farbfacetten und -fragmente zu sehen. Glueckselig schlenderten wir weiter und fanden den großen Stein ein weiteres mal. Ich stellte mich auf ihn um weiter zu navigieren, wir wollten weitersegeln. Immerhin hatten wir alle dieses Seefahrergefuehl welches ich oben beschrieb. Also bestimmten wir ein weiteres Mal den Kurs und liefen - doch eigentlich ohne irgendeinen Kurs oder Plan - weiter. Auf der steinigen Landzunge hatte ein Maedchen ein buntes Haekelkleid liegen lassen, vielleicht weil sie nackt baden war oder vielleicht auch auf einem ihrer eigenen Trips. Mir erschien es als wuerde jeder auf diesem Festival reisen, egal ob in physischer oder mentaler Form. Ich fragte mich wer sie wohl sein moege. Auch sie muss ein komplexes Wesen sein, mehr als nur eine Fremde ohne Identitaet. Vielleicht ist sie eine Schwester. Oder jemand den ich lieben wuerde. Oder einfach eine von uns Seefahrern und Seefahrerinnen. Dann dachte ich dass sie auch Teil dieser komplexen Welt ist, und damit waren wir nach meiner Empfindung verbunden. So oder so. Ich sah V und Hund etwas abseits stehen und lies den Gedanken an das unbekannte Maedchen frei. Ich muesse sie niemals kennenlernen um sie zu kennen: Sie ist das Maedchen mit dem Haekelkleid. Wieder musste ich schmunzeln, alles schien seine Ordnung zu haben, alles war eigen und zu gleich einheitlich. Wir gehen unsere eigenen Wege und segeln selbst, dachte ich, und trotzdem teilen wir uns diese Welt und damit ist alles in Ordnung.
Als wir weiterliefen, mussten wir allesamt Toiletten aufsuchen. Der Trip dauerte nun schon einige Stunden. Als ich die Plumpsklokabine betrat, spannte sich ein komplexes Netz aus Geraeuschen ueber meinem Kopf: Die Kabinenwaende reflektierten den Schall des entfernt liegenden Dancetempels welcher sich mit oeffnenden und schließenden Tueren der Klos mischte. Die Welt komponierte eine Symphonie, denn auch verschiedene Stimmen hallten wieder, genau wie das Rauschen des Windes, das Rascheln der Blaetter, das Kratzen von Flipflops auf dem staubigen Boden und alles andere. Meine Wahrnehmung driftete von der visuellen in die akustische, vor mir war naemlich nur eine uninteressante Pressspanwand. Ich lauschte auf. Wir blenden normalerweise Gerausche wie vorbeifahrende Autos und redende Menschen auf Nachbarbalkonen aus, hier jedoch fielen alle Woerter, Noten und Klaenge zusammen. Alles war zu hoeren, egal ob droehnende Goa-Basslines oder der Toilettennachbar, der sich gerade am Kopf kratzt. Als Musiker dachte ich immer ein feines Gehoer zu haben, aber ich irrte mich: Mein Gehoer war so scharf dass ich das Gefuehl hatte, ich konnte jede einzelne Haarwurzel des Kopfkratznachbars hoeren, die gegen seine Fingernaegel prallt. Nachdem ich die Toilettentuere oeffnete, wurde ich erstmal extrem ueberrumpelt von allen visuellen Eindruecken, denn auf einmal waren dort wieder die Milliarden von Sternen und die Lasereffekte aus der Ferne, genau wie die Taschenlampen der Festivalbesucher und all die Schatten und Konturen von Menschen, Baeumen und Festivalinstallationen.
Wir wollten uns wieder Richtung Zeltplatz begeben und passierten die Marktstaende. Eine bunte Flut aus Lichtern stroemte durch meine Augen: Jeder Shop hatte andersfarbige Zeltplanen und darunter andersfarbige Produkte. Mir offenbarte sich jetzt doch ein unbeschreiblich buntes Farbspektrum, aehnlich wie auf Pilzen. Der Trip war in vollem Gange und wir reisten nun sicher schon drei bis vier Stunden. Alle Farben hatten einen eigenen Charakter der erfuehlbar war, und mir viel ein Blauton ganz besonders auf: Er hatte einen Geschmack den ich nie zuvor geschmeckt hatte. Es klingt verrueckt, aber blau schmeckt nach blau. Dieser Geschmack laesst sich nicht in Worten beschreiben, er ist weder sueß noch sauer, weder scharf noch wuerzig. Er ist einfach blau. Dies war wahrscheinlich die staerkste synaesthetische Erfahrung in diesem Trip.
Nach etwas Fußmarsch kamen wir dann wieder am Zeltplatz an und dachten bereits dass der Trip abflauen wuerde. Wir wollten etwas relaxen und den Aftermath genießen, jedoch irrten wir uns anscheinend in der Zeit. Sowieso, Zeit war ein unlogisches Konzept in dieser Situation. Das Festival hatte bereits dafuer gesorgt dass Zeitmessung zweitrangig wurde - Mobiltelefone waren ausgeschaltet und Armbanduhren hatte keiner. Auf LSD erschien mir das komplette Konzept von Zeit, so wie wir es kennen, absurd. Ich werde dazu noch mehr im zweiten Tripbericht schreiben. Wie auch immer, wir rauchten einen Joint um zu sehen ob wir die Wirkung verstaerken/wiederbeleben konnten. Dann begriff ich fuer mich dass der Trip noch immer in vollem Gange war. Ich schloss naemlich meine Augen um mich von der Wanderschaft auszuruhen und vor meinem geistigen Auge entfalteten sich nur noch mehr komplexe, geometrische Muster in allen Regenbogenfarben. Dominant war ein tuerkiser Blauton der die Konturen von den dreieckigen und pyramidenfoermigen Mustern umrandete. Dort wo bei geoeffneten Augen der zentrale Punkt im Blickfeld liegt, war hinter geschlossenen Augen der Fluchtpunkt fuer diese kaleidoskopischen Visuals. Aus diesem Zentrum entsprangen Farben wie von Prismen gebrochen, trianguli wie die Seiten eines spitzen, symmetrischen Bergkristalls auf dessen Spitze man starrt. Sie zogen vom Fluchtpunkt aus an mir vorbei als wuerde ich mit Lichtgeschwindigkeit durch einen Tunnel geschossen werden, immer weiter auf den Fluchtpunkt zu.
Hund hatte zwischenzeitlich einen unruhigen Gedanken bekommen, der droehnende Schall und Bass am Dance Temple war auch in der geschaetzt 1,5km weiten Entfernung noch zu hoeren, vielleicht reflektiert vom See. Ich wollte ihm so gerne helfen als er in einer Art von Gedankenspirale gefangen schien (vielleicht schreibt er hier selbst noch einen Tripbericht dazu, ist besser aus seiner Perspektive). Ich wollte nur dass es allen gut geht und seine Unruhe koppelte sich an mich und auch ich wurde unruhig. Fuer kurze Momente erschien es mir als wuerden wir gerade aneinander gekoppelt sein, als muesse ich durchmachen was er durchmacht. In dieser Episode des Trips war ich anscheinend irgendwie an ihn Gebunden, sein auf und ab war mein auf und ab. Fuer mich ein faszinierendes Gefuehl, denn es war anders als beispielsweise bei Afterparties auf denen ein Freund in ein After-MDMA-Tief kommt und allgemein die Stimmung etwas gedrueckt wird. An sich war ich immer noch heiter und konnte ihm auch gut zureden und genoß meinen Trip. Zur gleichen Zeit schien er aber irgendwie in mir drin zu "sitzen", weswegen ich zeitgleich uebergluecklich sein konnte mit mir selbst und meinem Leben, aber als "Extra" auch noch seine Emotionen in mir trug. Wenn ihr wollt, erstellt einen Thread und fragt mich bei solchen Dingen nach mehr Details, ich merke gerade dass ich so viele Facetten beschreiben muesste die ich bei diesem Raum hier nicht alle erlaeutern kann.
Wir schliefen dann irgendwann ein, ich ca. eine weitere Stunde nach dem genießen der Optiks und unserem vermeintlichen "Runterkommen" am Zeltplatz. Meine Traeume waren sehr intensiv und real, an ihren Inhalt kann ich mich gerade aber leider nicht mehr erinnern. Ich traeume allgemein wieder lebhafter und echter seit den beiden LSD-Trips. Ich erinnere mich z.B. an einen Traum spaeter waehrend der Heimreise aus Portugal und an all die Emotionen die ich dort erlebte.
Aftermath und Folgetage
Einen wirklichen Aftermath hatte ich nicht, nach dem Aufwachen war von der Wirkung des LSD nichts mehr zu spueren. Keine Halluzinationen bei geschlossenen Augen, keine geschaerften Sinne. Jedoch hat sich durch diesen Trip - auch in Kombination mit dem Festival und der Reiseerfahrung im Allgemeinen - mein Bewusstsein veraendert. Ich habe heute das Gefuehl als haette ich lange nicht klar gesehen. Ich habe mich zu sehr auf Sicherheiten fixiert im Leben anstatt angstfrei zu reisen. Ich schreibe im Titel aus einem besonderen Grund dass der Weg das Ziel ist: Mir offenbarte sich naemlich dass ich meinen Platz hier in der Welt habe, unabhaengig von Erfolg und den Dingen die ich jetzt vielleicht gerne haette. Das Leben ist veraenderlich, ein Prozess. Die ganze Natur ist das. Ich habe weniger Angst zu scheitern, einfach weil ich nach diesem Trip begriffen habe dass kein Scheitern ein ewiges Gescheitert-Sein ist. Die Reise mit ihren Komplikationen hat - zusammen mit den LSD-Trips - dazu gefuehrt dass ich unglaubliche und magische Erfahrungen machen durfte. So viel haette schief laufen koennen, egal ob auf der Reise oder am Festival oder waehrend des Trips. Man macht sich oft zu viele Gedanken um alle moeglichen Dinge die sein koennten, anstatt seine Sinne frei zu lassen und die akute Umwelt zu beobachten. Bitte versteht mich richtig, ich sage nicht dass LSD ein Allheilmittel fuer Menschen ist oder man damit zu allgemeingueltigen Erkenntnissen kommen kann. Viel mehr habe ich - fuer mich - viel gelernt. Vor allem indem ich mit LSD meinen Sinnen freien Lauf geben konnte und mich in meine Umwelt zu stuerzen, nicht in meine Gedanken. Umso mehr ich den Trip laufen lassen konnte, umso mehr konnte ich mich laufen lassen und meinen Geist. Dabei taten sich kreative Gedankengaenge auf, tiefgreifende Emotionen und die pure Faszination fuer das Leben.
LSD ist wahrlich so komplex dass ich wirklich nicht mehr weiß wie ich hier weiter beschreiben soll. Bitte stellt mir darum Fragen, ich werde alles an Information anfuellen was euch interessiert und was ich beschreiben kann. Egal ob zum Trip, zu meinem Empfinden, zu Ereignissen, zu zwischenmenschlichen Gefuehlen, usw.
Ich wuensche euch außerdem noch viele tolle Reisen. :)
PS:
Ich schreibe den 2. Tripbericht doch extra, vielleicht im Forum dann. Erstmal den einen gut verarbeiten, der naechste ist naemlich noch komplexer... | |
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