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AutorBeitrag
Traumländer

dabei seit 2019
1.363 Forenbeiträge

  Geschrieben: 26.02.26 07:22
zuletzt geändert: 26.02.26 16:56 durch Andy I (insgesamt 2 mal geändert)
zumbazie schrieb:
Hey Andy,

1. Natürlich ist der Verkauf von Bitcoin steuerpflichtig. Nach einem Jahr Haltefrist ist es allerdings aktuell in Deutschland steuerfrei. ( zur Sicherheit den Steuerberater fragen)


4. Welches Investment ist politisch risikofrei? ( siehe Goldverbot 1933 in USA)
5. Ich wollte nur auf ein alternatives Geldsystem aufmerksam machen, an dem jeder partizipieren kann und das dezentral organisiert ist.

Schönen Abend allen! (:






Zu 1. Der Gewinn aus Coins in Deutschland ist bis 600 € p/a Steuer frei. Ab einer Freigrenze von 600 € p/ a wird die ges. Musik steuerpflichtig.
Auch Kauf oder Tausch, gegen einen anderen Coin gilt das steuerlich als Verkauf.
Erleidet der Bitcoin nach 1 Jahr einen Verlust ist das steuerlich nicht nutzbar.
Innerhalb der Jahresfrist kann man allerdings einen Verlust steuerlich geltend machen und wenn
kein Gewinn zum verrechnen geltend gemacht werden kann, kann der Verlust auch ins nächste Jahr übertragen oder vorgetragen werden !

Zu 4. Heute gibt es keinen Goldstandart mehr. Ein politisches Risiko ist trotzdem bei nichts ausgeschlossen.
In den Vereinigten Staaten mußten damals alle Bürger ihr Gold zu einem festen Preis an den Staat verkaufen.
Das nannte man damals die Große Depression.

zumbazie, sehr guter Beitrag !!

Grüße Andy
Zauberland ist abgebrannt, es brennt noch ..... irgendwo ....
» Thread-Ersteller «
Neuer Träumer

dabei seit 2026
19 Forenbeiträge

  Geschrieben: 08.03.26 07:42
Ich arbeite gerade an einem Abschnitt über jugendliche Einstiegsdynamiken in illegalen Märkten. Da das Interesse an dem Buch hier ja vorhanden zu sein scheint hier ein kleiner Teaser aus einer sehr frühen Version aus Kapitel 9.

Eine These darin: Sucht beginnt nicht unbedingt mit dem Molekül – sondern mit der Logik des Zugangs. Illegalität selbst kann Attraktivität erzeugen. Beschaffung wird Initiationsritus, Statusgewinn, Gruppenzugehörigkeit.

Gleichzeitig unterscheide ich aktuell zwischen
1. Prekär distribuierte, verunreinigte oder unkontrollierte Substanzen
2. Psychoaktive Reinstoffe, Reinstoffgemische oder pharmazeutisch zubereitete pflanzliche Rauschmittel
Mein Eindruck: Diese beiden Welten haben sozial, pharmakologisch und psychologisch oft erstaunlich wenig miteinander zu tun - auch wenn sie im öffentlichen Diskurs meist in einen Topf geworfen werden.

Mich würde vielleicht auch eure Erfahrung interessieren, bzw. interessiert mich, ob ihr etwas dazu sagen wollt. Ich denke jeder der sich mit diesem Thema ernsthaft befasst weiß, wie tief die Wunden sind, die so erzeugt werden können:
- Hättet ihr ohne die Illegalität genauso konsumiert? Oder war genau dieses „Katz-und-Maus“-Moment Teil der Faszination?
- Und wie stark spielte Beschaffung als Statusfaktor in eurer Anfangszeit eine Rolle?
- Falls ihr möchtet: Wie geht ihr heute mit möglichen Folgeschäden um – gesundheitlich, sozial, rechtlich?
Ich versuche auch gerade, für das Buchprojekt eine konsistente Drogensystematik zu entwickeln. Dabei ringe ich vor allem mit der Frage, wie man phänomenologische Erlebnisebene, pharmakologischen Wirkmechanismus und soziale Struktur (Streckung, Hierarchie, Strafverfolgung etc.) sinnvoll zusammenführt, ohne sie zu vermischen. Da ich vieles selbst erlebt habe, ist mir das Thema nicht nur theoretisch wichtig – umso unsicherer bin ich manchmal, ob ich strukturell etwas übersehe. Wie gesagt ist das Erleben auch mit Sicherheit nicht für jeden gleich sondern stark von Status, Eigenschaften und Umgebung abhängig. Über ehrliche Perspektiven würde ich mich freuen.

Hier der kleine Teaser aus Kapitel 9 (Bitte entschuldigt das es noch recht roh ist, aber es ist kein einfaches Kapitel und ich hoffe auf Hilfe):

9.1.1. Prekär distribuierte, verunreinigte oder unkontrollierte Substanzen („Streckstoffe mit beigemischten Rauschsubstanzen“):
Hierzu zählen Rauschmittel, die außerhalb regulierter Produktions- und Qualitätskontrollen zirkulieren. Reinheit, Dosierung und Zusammensetzung sind variabel oder unbekannt. Streckmittel, Beimischungen, synthetische Ersatzstoffe, Verfügbarkeit sowie die jeweilige soziale Einbettung der Szene können Wirkung, Toxizität; Abhängigkeitspotential und psychische Dynamik erheblich verändern – häufig stärker, als auch den verschiedenen Konsumentengruppen bewusst ist. In unkontrollierten Märkten ist nicht garantiert, dass der deklarierte Wirkstoff pharmakologisch dominant bleibt. Die Relevanz von Beimischungen kann, die des eigentlichen psychoaktiven Bestandteils erreichen, übersteigen oder umfassend verändern. Nicht selten verschiebt sich das pharmakologische Profil durch Verdünnung, veränderte Bioverfügbarkeit oder toxische Nebenprodukte in eine Richtung, die mit der ursprünglichen Substanz aus fast jeglicher Hinsicht nicht mehr vergleichbar ist. Das Problem liegt dabei nicht primär im psychoaktiven Wirkstoff selbst, sondern in: Fehlender Qualitätskontrolle, unklarer Dosierung, toxikologischen Beimischungen, den Interaktionen bei den verschiedenen Konsumformen (zb. Inhalation, Injektion, orale Aufnahme), strafrechtlicher enorm unterschiedlicher Verfolgung je nach geographischer Lage, sozialer Stigmatisierung, sowie dem eingeschränkten medizinischen Zugang. Unter diesen Bedingungen wird pharmakologische Unsicherheit zur sozialen Konstante. Nicht das Molekül allein wirkt – sondern das Gemisch, die Applikationsform, die Dosis und die soziale Situation. In extremen Fällen verschiebt sich der intendierte Rausch in Richtung dysphorischer Zustände, lebensgefährlicher toxischer Nebenwirkungen oder abrupt begrenzter Wirkprofile die unweigerlich in einen Wettkampf der Beschaffungskriminalität um Gesundheit, Rang, Zugang und Status münden. Hier wird nicht nur Rausch verkauft, sondern casino-artiges Risiko mit unklarer Eintrittswahrscheinlichkeit.

9.1.1.1. Diffusion von Verantwortung und moralische Distanz - Hierarchie der Reinheit und Empathie:
Die Folgen dieser prohibitorischen Marktstruktur sind gesellschaftlich katastrophal. In prekären Märkten trifft pharmakologische Unsicherheit überproportional auf vulnerable Gruppen – darunter Jugendliche, sozial marginalisierte Personen oder Menschen mit bereits bestehenden psychischen Belastungen. Das Risiko verteilt sich nicht zufällig, sondern entlang sozialer, ökonomischer und informationsbezogener Hierarchien. Besonders problematisch ist dabei die schleichende Normalisierung von Verunreinigung. Wenn Konsumenten wiederholt Substanzen erwerben, deren Reinheit variabel bzw. unbekannt ist, verschiebt sich die Erwartungshaltung. Konsumenten lernen mit schlechter Qualität zu rechnen. Nicht mehr der kalkulierbare Wirkstoff, sondern das Gemisch wird zur Norm. Man gewöhnt sich an Dinge wie kratzenden Rauch, schwankende Wirkung, unerklärliche Nebenwirkungen. Die Konsumenten werden so schrittweise an selbstschädigendes masochistisches Verhalten gewöhnt, indem ihr bevorzugtes Rauschmittel, das sie zu „Therapie oder Zustandsverbesserung“ verwenden mit schädlichen Stoffen vermischt wird. Unsicherheit wird internalisiert und die Schwelle zur Selbstgefährdung sinkt – zunächst nicht klar erkennbar aus masochistischer Neigung, sondern aus Anpassung an strukturelle Bedingungen. Begrenzte Alternativen, ökonomische Restriktionen, soziale Bindungen innerhalb der Szene oder bestehende Abhängigkeit reduzieren die Möglichkeit, Qualität aktiv zu selektieren. Unter solchen Bedingungen kann selbstschädigendes Verhalten regelrecht normalisiert werden und die Bereitschaft, auch minderwertige oder offensichtlich verunreinigte Ware zu konsumieren steigt. Besonders sozialhierarchisch niedriggestellte Menschen oder stark abhängige Konsumenten verfügen oft nicht über reale Ausweichoptionen, gewöhnen sich an diese Umstände und akzeptieren und konsumieren sogar bewusst versetzte Drogen. Nicht aus Unwissen allein, sondern aus Mangel an Alternativen. Der eigene Körper wird zum permanent beanspruchten Testfeld. Informationsasymmetrie ist systemimmanent: Der typische Endkonsument erwirbt kleine Mengen, verfügt selten über präzise Waagen, geschweige denn über Reagenzien oder echte Labortests. Gewicht, Reinheit und Zusammensetzung bleiben Vertrauenssache. Daraus entsteht innerhalb der Szene eine implizite Hierarchie der Reinheit: Besser vernetzte, informierte oder ressourcenstärkere Konsumenten können schlechte Chargen ablehnen oder umgehen. Reinheit wird so zur sozialen Ressource; Gesundheit koppelt sich indirekt an Status, Wissen und Netzwerk. Vulnerablere Gruppen tragen strukturell den größeren Anteil pharmakologischer Unsicherheit.
Die Praxis der Streckung erscheint auf mehreren Ebenen – zumindest vordergründig – irrational. Weshalb sollte ein Händler seine eigene Kundschaft schädigen oder die Wirksamkeit seiner Ware untergraben? In fragmentierten und repressiven Märkten existiert jedoch kaum langfristige Kundenbindung. Informationsasymmetrien, geringe Transparenz, fehlende Reputationsmechanismen, hohe Fluktuation sowie permanenter Strafverfolgungsdruck begünstigen kurzfristige Gewinnstrategien. Es handelt sich um einen hochkompetitiven Markt, in dem Misstrauen strukturell angelegt ist und bestimmte dispositionelle Muster funktionale Vorteile erzeugen. Hohe Risikobereitschaft, instrumentelle Aggressivität und geringe Empathie können unter solchen Bedingungen adaptive Wettbewerbseigenschaften darstellen. Vergleichbare Selektionsmechanismen finden sich auch in hierarchischen Gewaltinstitutionen wie Strafverfolgung und Strafvollzug – dem Zusammenpferchen von Dealern und Konsumenten in prekären Hierarchien – wo instrumentelle Gewaltökonomien verfestigt werden. Neben der Pathologisierung einzelner Akteure stabilisieren strukturelle Anreizkonstellationen empathiearme Handlungsmuster – nicht nur bei den Räubern, sondern auch bei den Gendarmen dieses institutionalisierten Katz-und-Maus-Spiels. Profit entsteht hier nicht durch nachhaltige Qualitätsgarantie, sondern auch durch Gewichtssteigerung, Verdünnung oder den Einsatz billiger Ersatzstoffe. In Abwesenheit regulierender Instanzen wird Qualität nicht gesichert, sondern systematisch externalisiert – die Risiken tragen die Konsumenten. Ökonomische Rationalität allein erklärt das Phänomen sicher nicht vollständig. Endkonsumenten wiegen ihre Ware in der Regel nicht; ein direkter finanzieller Vorteil ließe sich theoretisch eher auf Zwischenhandelsebene realisieren. Die regelmäßige massive Verunreinigung – etwa durch gesundheitsschädliche Beimengungen – lässt sich daher nicht ausschließlich als betriebswirtschaftliche Feinjustierung erklären. Wer toxische Substanzen in großem Umfang beimischt, nimmt gravierende gesundheitliche Schäden zumindest billigend in Kauf. Die Häufigkeit solcher Praktiken verweist auf zusätzliche Faktoren. Hier greifen soziale Distanzierung und moralische Entkopplung. Wenn Konsumenten ohnehin stigmatisiert sind, erzeugt ihr Schaden weniger kollektive Empörung. Sozialpsychologische Forschung zeigt, dass das Leid marginalisierter Gruppen geringere moralische Aktivierung hervorruft. Die Schädigung erscheint nicht als Skandal, sondern als erwartbares Nebenprodukt eines Milieus, das gesellschaftlich bereits als „deviant“ markiert ist. Die Praxis der Streckung ist somit nicht bloß ökonomisches Kalkül, sondern Ausdruck einer strukturellen Entkopplung von Handlung und Empathie – eine Gemengelage aus individuellen Dispositionen, kollektiven Normverschiebungen, Konkurrenz- und Misstrauensverhältnissen, Rachlust und systemischer Verantwortungslosigkeit. Verantwortung diffundiert entlang der Vertriebskette. In einem Umfeld ohne Haftungsstruktur sinken moralische Hemmschwellen, insbesondere dort, wo das Gegenüber sozial entwertet ist. Individuelle Rücksichtslosigkeit und strukturelle Gleichgültigkeit verstärken sich wechselseitig. Auch eine gezielte Schädigung der Konsumenten ist häufig als Motiv erkennbar (zb. um Abhängigkeit zu stabilisieren, Konkurrenz auszuschalten oder gar ganze Bevölkerungsgruppen zu schädigen). Auch ethnische, soziale oder gruppenbezogene Diskriminierung kann eine Rolle spielen. Informelle Loyalitätsstrukturen oder rassistische Zuschreibungen beeinflussen mitunter, wem qualitativ bessere Ware vorbehalten wird. Historische Fälle – etwa die Verstrickungen US-amerikanischer Geheimdienstoperationen in Kokainhandelsnetzwerke der 1980er Jahre – zeigen sogar, dass geopolitische Interessen und Drogenmärkte sich überschneiden können. Die sozialen Folgen trafen insbesondere marginalisierte Communities (siehe Kapitel 9.1.1.2.).
Die Situation ist aber noch viel komplexer. Bei Substanzen mit geringer therapeutischer Breite (zb. hochreines Heroin, Fentanyl, …) kann unverdünnte Ware auf einem unregulierten Markt paradoxerweise selbst ein massives Überdosierungsrisiko bergen. Verdünnung ist hier teilweise faktisch notwendig, um auch eine grobe Dosierbarkeit zu ermöglichen. Streckung umfasst daher ein breites Spektrum – von nachvollziehbarer Verdünnung bis hin zu toxischer, intransparenter Verunreinigung. In diesem Sinn ist die Verunreinigung kein Randphänomen, sondern systemimmanente Folge der Kriminalisierung. In regulierten Märkten wird Risiko standardisiert. In prekären Märkten wird Risiko individualisiert – und sozial selektiert. Sie erzeugen eine interne Hierarchisierung von Reinheit – und damit von Gesundheit.

9.1.1.1.1.Illegalität als Attraktivitätsverstärker – Das Katz-und-Maus-Spiel als Initiationsritus jugendlicher Einstiegsdynamiken:
Die beschriebenen Marktmechanismen erzeugen nicht nur pharmakologische Unsicherheit, sondern auch eine spezifische soziale Dynamik. Die permanente Konfrontation zwischen Verfolgung und Umgehung – zwischen Dealern, Konsumenten und Strafverfolgung – institutionalisiert ein Katz-und-Maus-Spiel, das besonders auf Jugendliche eine starke Anziehungskraft entfalten kann. Das Beschaffen illegaler Substanzen wird zum Initiationsritus, zum Beweis von Durchsetzungsfähigkeit, Cleverness, Mut und Zugehörigkeit. Risiko fungiert als Statusressource, der Zugang selbst wird zur Leistung. Repression schweißt die in aus verschiedenen Gründen in Beschaffungsstrukturen agierenden Jugendgruppen temporär zusätzlich zusammen. Sie wirkt hier paradox: Sie soll abschrecken, erzeugt jedoch zugleich Exklusivität. Je höher die Zugangshürden, desto größer der symbolische Gewinn. Die Illegalität selbst fungiert als Attraktivitätsverstärker. Der erhebliche Aufwand – Kontakte knüpfen, Vertrauen aufbauen, Kontrollen umgehen, Hierarchien durchlaufen, Angst überwinden, Reisen in andere Länder, Organisation, Grenzübertritte, Schmuggel oder die Nutzung von Verkehrsmitteln ohne gültige Dokumente – steigert subjektiv und auch tatsächlich den Wert des Erworbenen und beeinflusst dessen Wirkung. Der Rausch ist nicht nur pharmakologisch, sondern auch sozial und emotional aufgeladen. Wer über Jahre lernen musste, wie man mit 13 oder 14 überhaupt Zugang erhält, konsumiert später häufig nicht selektiv und dosiert, sondern vollständig. Die investierte Energie erzeugt eine implizite Konsumlogik: Was unter hohem Aufwand erlangt wurde, wird nicht hinterfragt oder relativiert, sondern ausgeschöpft. Temporäre Verfügbarkeit wird sofort vollständig ausgenutzt. Mühsam beschaffte Substanzen die regelmäßig konfisziert, gestohlen oder knappgehalten werden, werden selten portioniert, sondern möglichst rasch und oft exzessiv konsumiert. Knappheit verstärkt das Bedürfnis nach unmittelbarer Ausschöpfung. Der Konsum folgt damit weniger einer pharmakologischen Steuerung als einer Beschaffungslogik. Bemerkenswert ist, dass unter solchen Bedingungen suchtähnliche Verhaltensmuster entstehen können, bevor eine substanztypische pharmakologische Abhängigkeit im engeren Sinn überhaupt ausgebildet oder möglich ist. Die Bindung richtet sich zunächst nicht primär auf das Molekül, sondern auf das gesamte Erwartungs-, Beschaffungs- und Belohnungssystem: Ritual, Aufregung, Hindernisüberwindung, Statusgewinn und soziale Zugehörigkeit. Dies erzeugt eine starke psychologische Vorprägung und symbolische Aufladung, die den späteren Konsum emotional überhöht und massiv intensiviert, bzw. mit diesem auf vielen Ebenen komplex interagiert. Selbst wenn die tatsächliche Wirkung (zb. Müdigkeit, Dysphorie, Angst, Leere) den hochgespannten Erwartungen nicht entspricht, bleibt die Handlungsdynamik bestehen. Die antizipierte Belohnung („Wanting“) überlagert häufig das reale Lustempfinden („Liking“). Studien zur sogenannten Incentive-Sensitization-Theorie der Sucht zeigen, dass dopaminerge Systeme unter bestimmten Bedingungen stärker auf Hinweisreize, Erwartung und Beschaffungsprozesse reagieren als auf die eigentliche Lustempfindung des Konsums. Unter Bedingungen von Knappheit und Risiko wird insbesondere die Erwartungsphase neurobiologisch verstärkt. Hinzu kommt die Wirkung intermittierender Verstärkung (bereits von Skinner beschrieben): Unregelmäßige Belohnung – variable Verfügbarkeit, schwankende Qualität, unvorhersehbare Wirkstärke – erzeugt besonders stabile und persistente Verhaltensmuster. Illegale Märkte operieren faktisch nach genau diesem Prinzip: Mal ist Ware da, mal nicht; mal wirkt sie stark, mal kaum; mal gelingt die Beschaffung leicht, mal nur unter hohem Risiko. Diese Unvorhersehbarkeit macht das Verhalten besonders löschungsresistent und lädt die Erwartungsphase neurobiologisch massiv auf. Das passt auch zu einer „prä-pharmakologischen Bindung“ wie sie hier beschrieben wird. Im Jugendalter verstärkt sich dieser Effekt nochmal drastisch durch die neuroentwicklungsbedingt erhöhte Belohnungssensitivität, die starke Peer-Orientierung und die noch unreifen inhibitorischen Kontrollsysteme. Risiko, Gruppenzugehörigkeit und symbolischer Status entfalten in dieser Entwicklungsphase eine überproportionale Wirkung, da Identität und soziale Position noch im Aufbau begriffen sind. Junge Menschen müssen lernen sich in der Gesellschaft zu orientieren und Bewusstsein über reale Verhältnisse und sozialhierarchische Ressourcenverteilung zu erlangen.
Die beschriebenen neuropsychologischen Mechanismen erhalten ihre moderne gesellschaftliche Form erst innerhalb der strukturellen Machtarchitektur spätkapitalistischer Gesellschaften (vgl. Kapitel 5.1.1). Diese ist systematisch auf die fortlaufende Rekrutierung, Bindung, Disziplinierung und Verwertung vulnerabler Bevölkerungsgruppen angewiesen. Beschaffungsstrukturen fungieren dabei als mikrosoziale Selektions- und Übergangsräume, in denen Jugendliche unter Bedingungen von Knappheit, Risiko, intermittierender Belohnung und sozialem Statusdruck Verhaltensmuster einüben, die weit über den Substanzkonsum hinausweisen. Erlernt werden nicht nur Beschaffungspraktiken, sondern auch die affektive Logik von Hierarchie, Legalität, Risikoökonomie, Loyalität, Konkurrenz, Knappheitsverwaltung und situativer Unterwerfung und Gewaltanpassung – also genau jene sozialen Grundformen, die auch andere kapitalistische Verwertungsfelder wie Prostitution, paramilitärische Milieus oder militärische Rekrutierungssysteme strukturieren.
Hier schließt sich auch der Kreis zur Streckproblematik – besonders deutlich sichtbar am Beispiel Cannabis. Viele Konsumenten (vorallem bei Cannabis) sind minderjährig oder relativ jung. Die Varianten dieser Cannabis basierten Rauschmittel können dem energetisch-sozialhierarchischen Kampfmodus dieser Lebensphase kaum entsprechen. Die enorme Bandbreite an Streckmitteln (zuckerbasierte „Brix“-Überzüge, synthetische Cannabinoide, physikalische Zuschläge etc.) erzeugt eine extreme Wirkungsvariabilität. In stark verunreinigter Form kann die effektive Cannabinoidaufnahme zb. so stark reduziert oder verzerrt werden, dass selbst hohe Konsummengen keinen stabilen, vorhersehbaren Rausch mehr erzeugen. Die pharmakologische Erfahrung verschiebt sich vom intendierten Cannabinoidprofil hin zu einem unkontrollierbaren Gemisch aus Verdünnung, Verbrennungsprodukten und Beimischungen. Ein mögliches Resultat ist zum Beispiel nicht nur ein schwächerer, sondern ein qualitativ veränderter Zustand. Die Diskrepanz zwischen Erwartung und Wirkung wird jedoch oft nicht als Widerlegung, sondern als Herausforderung gedeutet. Ein neuer Selektionsmechanismus innerhalb der Gruppe beginnt: „Wer kommt klar und wer „stürzt“. Wer bleibt trotz Konsum im sozialhierarchischen Rennen leistungsfähig. Wie navigiert man gemeinsam – und gegeneinander – durch die Schattenseiten des Rauschs?“ In dieser Phase ist also nicht das Molekül dominant, sondern die Struktur und der Konkurrenzkampf. Das System aus Knappheit, Risiko, Statusgewinn und sozialer Zugehörigkeit erzeugt eine Vorform der Bindung, die pharmakologische Abhängigkeit begünstigen kann, aber nicht zwingend voraussetzt. Die Sucht beginnt hier nicht mit der Substanz – sie beginnt mit der Logik ihres Zugangs. Sogenannte „Drogenfreundschaften“ können sich kurzzeitig enorm verfestigen bevor sie dann üblicherweise auf mehr oder weniger tragische Art und Weise zu Brüche gehen. Damit verschränkt sich das Problem der Streckung mit jugendlichen Einstiegsdynamiken auf struktureller Ebene.
Die Konsequenzen gehen jedoch weit über die veränderte Wirkung hinaus: Die üblichen sensorischen und physikochemischen Prüfmethoden (Geruch, Farbe, Löslichkeit, Konsistenz, thermisches Verhalten, Geschmack) verlieren ihre Aussagekraft. In einem ohnehin intransparenten Markt wird jede Form rudimentärer Selbstkontrolle systematisch untergraben. Wer den Zugang bereits als Mutprobe und Statusgewinn internalisiert hat, hinterfragt Reinheit und Risiko ohnehin kaum noch. Pharmakologische Unsicherheit wird gegenüber sozialer Zugehörigkeit und dem Kick der Beschaffung sekundär.

9.1.1.2. Streckstoffklassen:
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