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LdT-Forum » Drogen & Gesellschaft » Politik & Justiz » "Suchtgesellschaft": (Vorstufen der) Sucht & Gesellschaft (Die gesellschaftliche Bedeutung von (mangelnder Aufklärung über) Suchtmechanismen)


Seite 1 (Beiträge 1 bis 3 von 3)

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» Thread-Ersteller «
Traumländer



dabei seit 2008
2.362 Forenbeiträge

  Geschrieben: 13.12.21 16:00
gugu schrieb:
Zitronenfalltür schrieb:
Ist was älter, aber ganz gut geschrieben:

Bericht über Drogen, die bei der Drogenentwöhnung helfen sollen.




Interessanter Bericht "Das abhängige Gehirn" über Suchtverlangen und was im Gehirn passiert bei Suchtentstehung.

[...]

In dem Bericht wird diese Fehlprogrammierung durch Drogenkonsum beschrieben. Es setzt sich fest, und Lernvorgänge werden verändert und neu beschrieben.


Interessant finde ich auch, dass diese Erkenntnisse und das daraus abgeleitete Lernmodell logischerweise genauso auf endogene Substanzen des Belohnungssystems zu übertragen sind - insbesondere bei starken Schlüsselreizen (Sexualität, Anspannungssituationen, Erfolgserlebnisse, Euphorie).

Das macht nachdrücklich deutlich, dass man auch - nach offizieller Diagnostik noch "umstrittenes" - Abhängigkeits- / Sucht-Verhalten unter gleichem Blickwinkel betrachten sollte wie "anerkannte" Sex- oder Gewinnspiel-Sucht; nämlich auch: Porno- & Online- sowie generell elektronische Spiel-Sucht. In all diese Lern-Prozesse sind ja als instant gratification Hormonausschüttungen involviert, die das Belohnungssystem "auf Kurzschluss" setzen und den entsprechenden Lern-Prozess des Gehirns langfristig prägen/stören können, indem der Belohnungs-Aufschub für ein langfristiges, höheres Ziel ab- und das Verlangen nach dem kurzfristigen, einfach zu habenden "Kick" an-trainiert wird.

Dass dies gerne noch belächelt wird, beklagen Lernforscher*innen, Lehrkräfte und praktisch erfahrene Allgemeinmediziner*innen schon länger; und jetzt gibt es eben auch naturwissenschaftliche Erkenntnisse sowie eine neurologische Theorie, die diese Befunde unterstützen.

Hinzu kommt, dass im Online-Bereich sowohl Spiel- als auch Porno- Angebote insbesondere für die digital native Jugend en masse und niedrigschwellig zugänglich sind wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte, ohne dass sich Erziehungsberechtigte in der vollen Breite mit den Mechanismen und Risiken, die damit zusammenhängen, informiert haben.

Das perfide daran ist,
dass sich bei noch pesonders plastischen, leichter formbaren Gehirnen "im Wachstum" eben nicht nur "offensichtliche" Süchte ausprägen könn(t)en, die eine*n im worst case alltags-"untauglich" machen können:

Bereits viel niedrigschwelliger greifen Neuroprozesse, die mittelbar (auch) das Suchtrisiko erhöhen, unmittelbar in Lernprozesse ein und steuern sie in eine "einseitige" Richtung, die andere Lernerfahrungen bereits mittelfristig "blockiert", die sich nach Abschluss der Pubertät nur schwerlich nachholen lassen: Emotionales und soziales Lernen.

Die - neben der "eigentlichen" Sucht, die sich am "auffälligsten" äußert und, erst einmal als solche begriffen, noch am ehesten "klassisch" therapieren lässt -, wohl schlimmste, oft gar nicht erkannte Folge so einer Sozialisation ist eine (scheinbare) "Selbst"-Bezogenheit, die noch gar kein sich "selbst" erfahrenes Subjekt ausgebildet hat, sondern geradezu manisch nach schnellen, virtuellen Befriedigungen verlangt, ohne im sozialen Kosmos in real life gesunde Beziehungsfähigkeit und emotionalen Halt erfahren zu haben - und gar nicht die "Geduld" erlernt hat, sich mit diesem Defizit konstruktiv auseinander zu setzen und "umzulernen".

Soziale Konflikte, Vermeidung (emotional) anstrengender intimer und (potentieller) Konflikt-Situationen, "Überblenden" emotionaler Situationen, sozialer Rückzug, Isolation, Einsamkeit, latentes Unbehagen in (der) Gesellschaft sind die Folge.

Da rollt "unter dem Radar" eine Suchtwelle - und mehr noch: Eine Lernstörungs-Welle - durch die moderne Gesellschaft, deren Bedeutung noch viel zu wenig erfasst wird...


Alleine darum sollte Suchtaufklärung dringend aus der gerne verleugnenden, tabubehafteten, ab- & ausgrenzenden "Schmuddel"- & "Randgruppen"- Ecke geholt werden:

Damit eine persönliche (Selbst-) Reflektion angeschoben, ermutigt und in offener Auseinandersetzung mit anderen Menschen ermöglicht wird, die das Thema eben nicht möglichst weit wegschiebt und zur Verleugnung von Suchtproblemen beiträgt, bis "die Hütte am Brennen ist".

Die ABHÄNGIGkeits-Thematik als GANZES gehört alltagsbegleitend und möglichst unaufgeregt, sachlich aber eben auch die persönliche Relevanz für jede*n Einzelne*n inmitten unserer Gesellschaft aufgreifend in die Schulen/Lehrpläne - und zwar nicht als mystisch aufgeladenes (Ab-)SCHRECK(-ungs)-GESPENST (ist der Mythos als solcher erstmal erkannt, wird die Sache erst richtig interessant...), das im schlimmsten Fall zu Sprechhemmungen und Tabuverletzungen/Ausschluss, Meidung und Stigma befürchtender Selbstverleugnung führt; sondern LEBENSNAH als ALLTAGSPRÄSENT anerkannt, begriffen und begreifbar gemacht.

Ohne Verständnis für die (Lern!-) PROZESSE, die einen Menschen in ABHÄNGIGKEIT (-EN; ein weites Feld, das sich weit über "Drogen" hinaus erstreckt, bspw. Hörigkeit, Kaufsucht, Gruppenzwang, ideologischer Fanatismus, etc.) bringen können, bleibt die (Selbst-) Bildung einer unabhängigen, mündigen Persönlichkeit unvollständig. Und damit letztlich auch die Voraussetzung für eine menschenwürdig funktionierende Gesellschaft und Demokratie.
Liebe ist Leben.
Traumländer



dabei seit 2016
133 Forenbeiträge

  Geschrieben: 13.12.21 16:26
Ich bin da wohl ein Paradebeispiel... Meine stärkste Sucht ist mit großem Abstand meine Gamingsucht. Ich will es gar nicht so genau wissen, wie viele Stunden ich seit meiner frühen Jugend, also in den letzten 10 Jahren vor dem PC verbracht hab, aber werden wohl so um die 15.000 sein. Damals war das online Zocken ein rettender Anker vor Depression und Abschottung, weil ich wenig Freunde hatte und in meiner Klasse nicht wirklich Anschluss fand. Durch Online-Freundschaften hatte ich die Möglichkeit mich mit Gleichaltrigen und Älteren auszutauschen, was oft lehrreich war und auch sehr gut tat. Auch habe ich mir durchs Zocken und Kommunizieren Englisch auf für mein damaliges Alter weit überdurchschnittlichem Niveau angeeignet, was mir natürlich auch heute noch zu Gute kommt.
Nichtsdestotrotz sitze ich jetzt insofern in der Tinte, da ich mein Leben zwar problemlos nüchtern aushalte, aber ne lange Zeit ohne meinem PC ist kaum vorstellbar. Mal abgesehen von Urlaub oder Zeiten in denen ich sehr viel gearbeitet hab, sitze ich täglich vorm Computer.
In meinen schlimmsten Zeiten hab ich täglich 10-12h gezockt. Auch wenn es Spaß gemacht hat und an sich immer ein cooles Hobby war fragt man sich manchmal schon ob man die Zeit nicht "sinnvoller" verbringen hätte können.
 
» Thread-Ersteller «
Traumländer



dabei seit 2008
2.362 Forenbeiträge

  Geschrieben: 13.12.21 17:29
zuletzt geändert: 13.12.21 17:42 durch Zitronenfalltür (insgesamt 1 mal geändert)
Ja, so etwas meine ich!

Natürlich ist das Ganze auch ambivalent zu sehen (und was im Leben ist das nicht?), wie du ja durch die konstruktiven Lerngelegenheiten selbst ansprichst, die dir face2face-Begegnungen anscheinend weniger (ansprechend) gebracht haben; dennoch stellt sich (mir) die Frage, ob/inwiefern dabei nicht auch etwas verlorengeht, das (mindestens) ebenso wichtig für menschliches Glück und erfüllt (aus)gelebte Persönlichkeit ist wie (reine) Skill/Wissens-Aneignung auf rein rationaler Ebene.
Eben die (gesamt-)sinnliche Live-Begegnung ohne medialen "Filter".

Genau deine Frage, ob man seine Zeit nicht irgendwie "sinnvoller" hätte zubringen können.


Ein dabei wichtiger Aspekt erscheint mir - wie bei allen Abhängigkeiten/Süchten - eben auch die gesellschaftliche Rahmengebung zu sein:

Einerseits gilt Online-Sein als normal und oft erwünscht, was gesellschaftlichen Druck in einigen sozialen Settings mit sich bringt (ähnlich wie früher noch der Alkohol bei Feiern kulturell "dazugehörte" und Abstinenz sowie Nicht-mitreden-können bzgl
ritueller Exzesse unangenehm auffielen und entsprechend kommentiert wurden, gehört es heute zum guten Ton online erreichbar und bezüglich vieler Netzphänomene auch gebildet zu sein und mitreden zu können); andererseits hat man das "gefälligst im Griff" zu haben und tut öffentlich besser nicht kund, wenn der soziale Zwang zur individuellen Zwanghaftigkeit geworden ist - denn dann steht man genauso als Sonderling da.


Es scheint mir da eine Art gesamtgesellschaftlich(-akzeptiert)e "Suchtverlagerung" zu geben, die (noch?) wenig reflektiert wird:

Weg vom möglichst funktionalen Alcoholic hin zum möglichst funktionalen Workaholic/Gamoholic/Netflixoholic.

Die "neue Norm" ist weitaus weniger feierlich-informelle Enthemmung aus besonderem Anlass, sondern vielmehr alltäglich-dauerbeschäftigte Disziplinierung:

"Wie, die Serie kennst du nicht? Musst du sehen!", "Wie, das Achievement hast du nicht freigespielt? Ist doch einfach!", "Wie, Zeitproblem? Work hard, party hard!" haben als permanente Leistungsnorm die anlassbezogene Geselligkeitsnorm "Trink doch mit uns, oder kannst du uns nicht leiden?", "Du hattest noch nie einen Vollrausch, was bist du denn für einer?", "Willst du es einfach nicht begreifen: Dienst ist Dienst, und Schnapps ist Schnapps!" abgelöst.

Beides ist gefährlich:
Der punktuelle Exzess mit dem fließenden Übergang zwischen häufigen Anlässen, die von außen an jemanden herangetragen oder aber von jemandem für sich selbst erfunden werden; und der unterschwellige Dauerkonsum mit dem fließenden Übergang zwischen Sich-Anderen-zur-Verfügung-stellen durch Vernetztheit (von Homeoffice- bis Chat- & Clan-Verpflichtung) und Sich-selbst-Entfremden (Wo ist meine Zeit hin? Was überhaupt kann ich sonst noch?).

Beidem gemeinsam ist:
Es wird vorausgesetzt, dass da jede*r einerseits sozialverträglich "mithalten", andererseits eigenverantwortlich "die Grenze ziehen" kann.

Der Unterschied ist:
Beim Alkohol ist mittlerweile gesellschaftlich angekommen, dass die Grenzziehung nicht immer so einfach ist, und dass das soziale Umfeld in Mitleidenschaft gezogen wird, sobald es entgleist; zudem wurde zumindest "auf Arbeit" nie offiziell eingefordert, dass jemand "Saufkompetenz" zu besitzen habe - im Gegensatz zu "Netzkompetenz".

Problematisch ist auch,
dass diese "Kompetenzen" seltenst wirklich ANGEMESSEN vermittelt werden (Chancen UND Risiken - und zwar GLEICHERMAßEN! - sowie Kosten/Nutzen-Bilanz auf individueller wie gesellschaftlicher Ebene, Fragen von Prävention, Therapie, Finanzierungsverantwortung, Kollateralschäden); sondern dass bewusster Substanzzufuhr viel eher der Mythos des Gefährlichen und unbewussten Lernprozessen viel eher der Mythos der Beherrschbarkeit zugeschrieben wird - was zu starker Unterbelichtung und Verharmlosung letzterer führt (Dunkelfeld in der Datenerhebung; Belächeln, Abwertung und Verächtlichmachung der Opfer als "Schneeflocken", "Weicheier" & "Aufmerksamkeitshuren").
Liebe ist Leben.

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