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Titel:Vom Öffnen einer Tür
Droge:MDMA
Autor:phenetylamin
Datum:11.03.2008 18:41
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Bericht::

Wir können Berichte über Erfahrungen austauschen und sammeln, niemals aber die Erfahrungen selbst.

Aldous Huxley, Die Pforten der Wahrnehmung



Ich bin erst mit Ende 20 zu anderen, nichtlegalen Drogen als Cannabis gekommen. Dass ich da bereits erwachsen, mit der Ausbildung fertig und im Beruf erfolgreich war, begreife ich heute als Glück. Denn während es nie zu spät ist, um mit Drogen anzufangen, ist es leider (zu) oft zu früh.

Was vor gut einem Jahr mein bisher so zielstrebiges, erfolgsorientiertes Leben radikal veränderte, war ein Zufall: Ich stand mit zwei Kumpels im Club, war total besoffen und wollte eigentlich schon seit Stunden nur noch ins Bett. Ich konnte mit der Musik nichts anfangen, denn sie war elektronisch. (Über ein Vierteljahrhundert habe ich elektronische Musik gehaßt. Seit dieser Nacht liebe ich sie.) Die Jungs bestanden darauf, dass ich noch blieb, was komisch und sonst nicht ihre Art war. Ich aber, schon zu paralysiert vom Alkohol, kam ich nicht auf die Idee nachzufragen. Ich hing einfach nur an der Bar herum bis plötzlich einer seine Hand öffnete, mit drei Teilen drauf.

Betrunken wie ich war, spülte ich eine der Tabletten mit meinem Bier herunter und erkundigte mich erst dann, was ich mir da gerade eingefahren hatte. MDMA, „also Ecstasy“, war die eine Antwort, und „gute Reise“ die andere. Ich nahme es hin. Es passierte erstmal nichts, außer dass ich begriff, dass zwischen den Konsumenten von Cannabis und denen anderer illegaler Drogen eine unsichtbare Mauer verläuft. Ist man erst einmal initiiert mit etwas anderem, hat man auf alles Zugriff. (Es war nämlich doch kein Zufall. Aber das ist eine andere Geschichte.)

Ich gehöre nicht zu den Menschen, die zu so genannten Filmrissen neigen. Ich bin in meinem Leben oft betrunken gewesen, habe aber nur eine einzige kurze Erinnerungslücke zu beklagen: Ich weiß nicht mehr, ob ich mich damals, mit 15 Jahren und 3 Litern Bier im Blut, im Bus übergeben habe oder nicht. Jene Nacht auf E hingegen kann ich in ihrem genauen Verlauf nicht mehr rekonstruieren. Wohl aber erinnere ich mich lebhaft an viele einzelne Momente. Ich erinnere mich, draußen zu sein, mit meinem Freund, der sich ob der sich als „Mörderteil“ entpuppenden Dosis rührend um mich kümmerte. Ich erinnere mich an leichten, warmen Nieselregen und an die Beats, die man auch draußen noch spüren konnte. Ich erinnere mich, dass ich mich übergeben musste, aber das nicht unangenehm fand, dass er mich permanent zum Trinken drängte und ich sicherlich 10 oder 15 Mal mit meiner leeren Bierflasche Richtung Toilette wankte.

Ich erinnere mich an Überwältigung, auch ein wenig körperlich, aber vor allem emotional. Ein unbeschreibliches High brandete herauf. Ich war eins, mit allem. Am Vorabend des Endes meiner vierjährigen Beziehung wurde ich berührt von einem Gefühl, was ich Monate, wenn nicht sogar Jahre nicht mehr gehabt, ja schon fast vergessen hatte: Liebe. Ich liebte die Musik. Ich liebte den Regen. Ich tanzte jede Frau an, die in diesem Laden war, und meine, mich dunkel an befremdete Reaktionen erinnern zu können. Aber es war mir egal. Denn, wie lange habe ich gebraucht, um das zu begreifen, bis zu dieser Nacht: Wahre Liebe ist einseitig, sie gibt alles und beansprucht nichts. Meine Liebe fokussierte sich kurz auf den Türsteher – und für einen Wimpernschlag liebte ich sogar die Tür.

Am nächsten Tag hatte ich sechs Stunden Sport in den Beinen und Muskelkater im ganzen Körper. In meiner Seele aber machte sich ein Gefühl von Wohlbefinden, von Zuversicht und Selbstvertrauen, von Empathie mit anderen Menschen breit und blieb für drei oder vier Tage. Von meiner Freundin trennte ich mich, denn an dieser Beziehung konnte auch E nichts mehr retten. Die nächste aber sollte radikal anders sein als alles in den zehn Jahren davor: Ich verliebte mich richtig, so wie zu Teeniezeiten. Und ich bin seitdem in jeder Minute innerlich voll bei ihr. Ich bin nicht genervt, wenn sie unzufrieden ist, traurig, oder sauer auf mich, ich kann sie auch dann noch in den Arm nehmen und sagen: Hey, ist alles nicht so schlimm, du hast jetzt dieses Gefühl, aber ich bin dir nicht böse und trotzdem für dich da. Gefühle einfach nur annehmen, ohne groß rumzudiskutieren, das konnte ich vorher nicht - bei mir selbst nicht und bei anderen schon gar nicht. MDMA hat es mir gezeigt, und dafür bin ich ihm unendlich dankbar.

Ein Fenster war offen und draußen schien die Sonne, ach was, es war ein breites, goldenes Tor zu einer neuen Welt. In den neun Monaten danach formte ich die Sache zum Projekt: Alles lesen, was zu Drogen geschrieben worden ist, und alles nehmen, was es gibt. Und ja, ich habe inzwischen verdammt viel konsumiert, vor allem MDMA, Pilze, GBL, Salvia und einmal LSD (was ich enttäuschend langweilig fand, aber auch das ist eine andere Geschichte); LSA und Dextromethorphan habe ich in naher Zukunft vor, und nach Ketamin suche ich noch. Ich habe im vergangenen Jahr einen Haufen Dinge über Menschen gelernt, die mir zwei Jahrzehnte Lernen, Studieren und Arbeiten nicht vermitteln konnten, denn Menschen zeigen ihr wahres Wesen im Wahn. Ich habe auch eine Menge über mich selbst gelernt, denn auch sich selbst erkennt man im Wahn, wenn man erlebt, wie einem im Verlauf eines extremen Wochenendes alles scheißegal wird – außer Drogen. Am Montag schlägt dann die Stunde der Wahrheit, das gesamte Selbstverständnis steht auf dem Prüfstand, die Frage warum und wozu man eigentlich lebt und vor allem: Warum man Drogen nimmt, und ob man diesen mehrtägigen, polytoxen Rausch ohne Essen, ohne Schlafen wirklich wollte, und wo das alles enden soll.

Meine Antwort ist: Ich nehme Drogen, um meine Lebenseinstellungen, meine soziale Prägungen, meine psychischen Grenzen zu erforschen und so persönlich zu wachsen, nicht aber um feiern oder arbeiten zu „können“, deshalb interessieren mich Heroin, Kokain, Speed und Crystal eher nicht. Das klingt ziemlich bemüht und arg kategorisch, und ich zweifele auch selbst daran: Es heißt ja, man solle keiner guten Motivation trauen, wenn auch eine schlechte dahinter sein könnte. Ich muss also zugeben, dass ich mir nicht sicher bin, ob ich Drogen wirklich ausschließlich zur Erweiterung meines Fühlens, Denkens und Handelns benutze, oder ob ich inzwischen auch deshalb konsumiere, weil die Drogen das von mir wollen. Drogen fühlen sich einfach geil an, und ohne, dass man irgendwie „abhängig“ zu sein braucht, fällt einem auch so schon ein schmerzlicher Kontrast auf, wenn man gerade nüchtern ist und sich überlegt, wie es jetzt wäre, drauf zu sein. Und was die Sachen mit dem höheren Suchtpotential anbelangt, habe ich bis auf ein bisschen mäßiges, mitteleuropäisches Kokain nasal auch keine Erfahrungen, aber sehr wohl gelernt, dass man nichts aufrichtig verschmähen kann, was man nicht kennt.

Seit ich PIHKAL gelesen habe, ist 2C-B mein großer Traum. In Berlin und Zürich soll es erhältlich sein, aber mich kotzt die Unzuverlässigkeit von Leuten an, die einem versprechen, Stoff zu besorgen. Und überhaupt, das ist doch keine wirkliche Lösung! Was ist mit 2C-T-x? DOM? Aleph-1? Den ganzen Krempel bekomme ich durch Rumfragen doch in hundert Jahren nicht zusammen! Und was haben Halluzinogene überhaupt auf einem Straßenmarkt zu suchen? Logische Konsequenz: Man müßte selber kochen können, und ich würde mir das auch zutrauen. Aber ich habe weder die Zeit noch die Räumlichkeiten dafür. Und dann ist da ja noch diese Grundstoffüberwachung, die alles derart kompliziert macht, dass die Ratio einkickt und sagt: Dein Vorhaben passt einfach nicht in diese Zeit, vergiss es und mach dich nicht unglücklich. Das tut weh, weil die Zeit drängt: Wenn ich Vater werde, möchte ich mit dieser Lebensphase durch sein, denn dann handelt mein Alltag nicht mehr von mir, sondern von einem neuen, jungen, hilflosen Menschen, der mich braucht, weil er ohne mich nicht existieren kann, und dann ist kein Platz mehr für Selbstfindungsübungen.

Weil ich Träume habe, erscheint mir ein „Land der Träume“ verheissungsvoll. Vielleicht gibt es hier Leute wie mich? Ich träume davon, jemanden zum Freund zu haben, der Zugriff auf Geräte und Zutaten hat. Mit dem ich ab und zu was kochen kann. Für ihn, für mich, und vielleicht auch für unsere jeweiligen Partner. Denn eine Beziehung ist der beste Ort zum Drogennehmen, und Jungs, glaubt mir, es ist überhaupt kein Problem, seine Freundin von einem Experiment zu überzeugen, wenn man ein paar Dinge begriffen hat darüber, wie und warum Frauen eine andere Grundhaltung zu Drogen haben als wir Männer, und welche Emotionen es in ihnen weckt, wenn der Kerl mit Drogen ankommt. Frauen wollen vertrauen, unser eigenes Verhalten ist aber meist der Grund, warum sie es nicht können. Und wir sind dann genervt, aber Hand aufs Herz: Männliches Genervtsein von einer Frau ist nichts anderes als die blanke Hilflosigkeit, die Unfähigkeit, mit ihren Gefühlen umzugehen.

Ein letzter Traum aber handelt von einer „Research Group“, nach Learys oder Shulgins Vorbild. Eine kleine, eingeschworene Gemeinschaft von Menschen, die stabil im Leben stehen und möglichst viele verschiedene Fachperspektiven mitbringen (Biologie, Medizin, Psychologie ...). Die sich zwei oder dreimal im Jahr eine abgeschiedene Hütte mieten, um das Menschsein zu erforschen. Unter Erwachsenen, ohne dass jemand davon mitbekommt oder sich gar gestört fühlt. In gemeinsamer Eigenverantwortung. In langen Gesprächen. Weil es Gefühle und Erfahrungen gibt, die Menschen nur zugänglich sind, wenn sie in Gemeinschaft erlebt werden. Und weil wirklich leben heißt: Nicht aufhören, das Neue, das Unbekannte, das Unerhörte zu suchen und zu finden. Ich wünsche mir Leute, die Freunde fürs Leben werden, weil sie etwas teilen, das so intim ist, dass man es wirklich nur mit guten Freunden teilt. Deshalb bin ich hier.