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Übersicht:

Titel:Mein schmerzempfindlicher Freund - Thailand und das Tramadol
Drogen:Tramadol
Autor:djingis
Datum:21.12.2011 09:34
Set:Drogenlustig
Setting:In einer asiatischen Großstadt
Nützlichkeit:7,65 von 10 möglichen   (20 Stimmen abgegeben)

Bericht:

Ich habe einen Freund, dem es oft schlecht geht. Schmerzen plagen ihn, manchmal im Knöchel, manchmal im Rücken, manchmal im Handgelenk oder manchmal auch einfach generell. Nachts kann er deswegen nicht schlafen, und wenn, dann wacht er nach ein paar Stunden wieder auf, schweißgebadet, und wünscht sich nichts sehnlicher als ein Mittel, das ihn von den Schmerzen erlöst.


Das gibt es in Thailand ganz legal in jeder Apotheke. Es heißt Tramadol und hilft wirklich sehr, sehr gut gegen Schmerzen. Leider hilft es auch gut gegen Langeweile, denn Tramadol ist ein Opioid, und Opioide sind Drogen. Ein Rezept braucht man dafür nicht, die Apotheken müssen selbst entscheiden, wann sie es "verschreiben". Aber auch das ist ein Vorhaben, das mit einer 70%igen Wahrscheinlichkeit glückt.


Meistens sind es lange Bus- oder Zugfahrten, auf denen die Schmerzen meines Freundes besonders schlimm werden. Vor der 11-stündigen Busfahrt nach Surat Thani, von wo aus es nach Donsak gehen sollte und von da aus nach Koh Samui, ging ich, während ich auf den Bus wartete, in eine Apotheke um die Ecke. Daneben befand sich noch eine Drogerie in dem Gebäude, oder vielleicht war es auch umgekehrt, denn die "Apotheke" war nur ein kleiner Tresen. Dahinter waren Glasvitrinen, in denen Medikamente jeglicher Art wie Bonbons herum lagen.


Ich ging zu dem Tresen, sagte wie immer höflich auf Thai hallo, damit ich nicht den Eindruck eines abgefuckten Junkies vermittele, und fragte, ob sie nicht zufällig etwas gegen "strong pain" hätten. Der Apotheker runzelte die Stirn und überlegte. Was für eine Art Schmerz, wollte er wissen. "Pain", sagte ich, "just pain." Er wollte wissen, wo es schmerzte, und ich zeigte ihm mein Handgelenk. Mein Freund, sagte ich, sei vor ein paar Tagen hingefallen und habe sich irgendwie das Handgelenk angeknackst. Jetzt könne er nachts nicht mehr schlafen.


Der Apotheker holte ein Blister aus der Glasvitrine und legte es auf den Tresen. Ich nahm es und sah auf die Rückseite: Ibuprofen. Oh, sagte ich, das hatten wir schon, das helfe leider überhaupt nicht, und - um auch den nächsten Versuch präventiv abzublocken - Paracetamol auch nicht. Hm, sagte der Apotheker und kratzte sich am Kinn.


Er fragte, ob mein Freund irgendeinen "drug background" habe. Nein, natürlich nicht. Ob er sonst irgendwelche Krankheiten habe? Nein, auch das nicht. Er überlegte eine Weile, dann drehte er sich um, griff in eine große weiß-grüne Box und holte ein Blister heraus, das er mir auf den Tisch legte.


Wieder sah ich hinten drauf: "TRAMACAP Tramadol HCl 50mg" stand da drauf. Ich schaute es mir noch eine Sekunde länger als nötig an und fragte dann, wie viel das koste. "150 Baht", sagte er, und ich sagte okay, gut, dann nehme ich das.


Ein bisschen tat er mir schon leid. Nie kommen Leute zu ihm, und wenn, dann wollen sie Aspirin oder die Pille. Jetzt ist einer da, der einen Rat braucht, SEINEN Rat. Endlich kann er all das medizinische Halbwissen anwenden, das er sich all die Jahre angeeignete, als er auf die Absagen der Medizin-Hochschulen gewartet hat.


Wenn der Apotheker dann das Blister einpackt, bekomme ich in der Regel ein schlechtes Gewissen - er will ja nur das Beste für mich. Um ihn darin zu bestärken, dass ich ihm vertraue und seinen Rat ernst nehme, frage ich dann meistens, wie viel ich davon am Tag nehmen darf und ob ich mit der Einnahme vor dem Essen beginne oder danach. Hin und wieder bitte ich ihn sogar, mir die Anweisungen auf einen Zettel zu schreiben, damit ich es auch ja nicht vergesse und versehentlich zu viel davon nehme.


Manchmal klappt es aber auch nicht. Einmal ging ich in eine Apotheke, die sehr vielversprechend aussah. Die Schränke waren voll mit Medikamenten und - was ein viel wichtigerer Faktor war - die Apothekerin saß gelangweilt auf einem Stuhl und sah fern. Nach jemanden, der viel Lust hat, sich mit den Befindlichkeiten von Ausländern zu beschäftigen, sah sie nicht aus. Nach jemanden, der Geld verdienen will, schon eher.


Ich ging rein, schob behutsam die Schiebetür wieder zu und begrüßte sie. "I’m looking for something against strong pain", sagte ich und verzog dabei das Gesicht, als würde ich an den Gedanken des Schmerzes eben diesen fühlen. "Strong pain, hmmm", murmelte die Apothekerin und drehte sich um. Als sie sich wieder umdrehte, hatte sie ein Blister mit Pillen in der Hand, die aussahen wie braune Viagra-Tabletten.


"What kind of pain?", wollte sie schließlich wissen. "Bone", sagte ich, "the bone is a bit cracked." Sie legte das Blister auf den Tisch und erklärte, dies sei ein gutes Schmerzmittel gegen sowas, und dazu - sie drehte sich wieder zur Glasvitrine und holte ein weiteres Blister - solle ich diese hier nehmen, das würde die Muskeln entspannen.


Ich hatte nun zwei völlig nutzlose Medikamente in der Hand, jedenfalls nutzlos für jemanden, der sie für etwas braucht, das nicht Schmerzen oder Muskelentspannung heißt. Ich sah mir die Blister noch eine Weile an und startete noch einen letzten Versuch: "Hmm, do you have something else?" - "Why?", antwortete sie, "this one’s good."


"Okay", sagte ich, "how much is it?" Sie hielt mir die Packung hin, auf der ein kleines Preisschild mit der Zahl "35" klebte. Für solche Zwecke habe ich mir zwei Hosentaschen zurechtgelegt: In eine, die hintere linke, habe ich einen 20-Baht-Schein gesteckt. Gerade zu wenig für jedes Medikament, das hier angeboten wird, und gerade zu viel, um den Anschein zu erwecken, ich würde nur Kleingeld mit mir herum schleppen.


In der anderen Tasche - die vordere rechte - sind 100 Baht. Bekomme ich, was ich will, so greife ich in diese Hosentasche. Wenn nicht, nehme ich den 20-Baht-Schein, tue etwas verwundert und sage, ich müsse nur noch schnell Geld holen, dann sei ich zurück. So haben wir beide die Möglichkeit, unser Gesicht zu wahren.


In kleinen Städten ist es schon schwieriger, an Schmerzmittel zu kommen. In Sukhothai gab es genau eine Apotheke, die nächste war - so sagte mir ein Thai-Chinese, der Viagra verkaufte - mindestens 30km weiter weg. Ich wollte mein Glück trotzdem versuchen und ging hinein. Von einem Apotheker war weit und breit nichts zu sehen, erst nachdem ich ein paar Mal "sawat dee krap" gerufen hatte, kam ein verschlafener Mann aus einem abgedunkelten Zimmer.


Ich fing an, meine Eröffnungsphrase abzuspulen, doch schon nach den ersten Worten merkte ich, dass es keinen Sinn hat - der Mann verstand kein Wort von dem, was ich sagte. Er wies mich zu einem anderen Tresen, an dem ein PC stand, und drehte den Monitor so, dass ich ihn sehen konnte. Darauf waren zwei große Textboxen, über der einen stand "Thai", über der anderen "English".


Ich tippte auf der Tastatur das Wort "pain" und drückte Enter. Der Apotheker las die thailändischen Schriftzeichen, die daraufhin erschienen, und hob den Zeigefinger. "Ah", sagte er, und dann etwas auf Thai, das ich nicht verstand.


Er suchte die Regale nach etwas ab und kam mit einer Hand voll Medikamenten wieder: Ibuprofen, Paracetamol, Diclophenac und irgendwelchen Salben, auf denen ein Mann abgebildet war, der sich den Rücken hielt. "No", sagte ich, das helfe nicht, ob er nicht etwas anderes habe. Er verstand nicht. Ich gab auf.


Sukhothai war nur mäßig interessant, in zwei Tagen hatte ich alles gesehen, was es zu sehen gab, und langweilte mich in meinem 5-Sterne-Resort, in dem ich der einzige Gast war. Ich fuhr zurück zu der Apotheke, diesmal aber vorbereitet. Ich hatte einen Zettel in der Tasche, in dem ich klar und deutlich und in Großbuchstaben das Wort "TRAMADOL" geschrieben hatte.


Als ich kam, saß der Apotheker bereits hinterm Tresen. Ich versuchte es noch ein letztes Mal auf dem verbalen Weg, doch als er wieder nicht verstand, zeigte ich ihm den Zettel. Er sah ihn sich lange an und bewegte dazu leise seine Lippen, als hätte er Schwierigkeiten, die richtige Betonung zu finden.


Nach einigen Sekunden legte er den Zettel hin, nahm den Telefonhörer in die Hand und wählte eine Nummer. Ich bekam einen Schock. Was ist, wenn der Apotheker jetzt die Polizei anruft und sie darüber informiert, dass hier gerade ein Farang steht und versucht, Opioide zu kaufen? Keine zwei Minuten würde es dauern, dann stünden zwei Beamte in ihrer engen, schwarzen Uniform vor mir, an ihrem Rever unzählige Abzeichen.


Sie würden mich mitnehmen und in den nächsten Knast stecken, zusammen mit opiumabhängigen Thais, Vergewaltigern und Mördern. Drogen in Thailand - das ist für die Thais schlimmer als jeder Mord. Dort müsste ich mir eine nasse Steinzelle mit 34 anderen Thais teilen, und wenn ich scheißen müsste, dann müsste ich in einen Eimer scheißen und mir mit dem Wasser aus einer Wasserflasche den Arsch säubern.


Er redete und redete. Er hörte gar nicht mehr auf, und das machte mir Angst. Ich hörte die Wörter "farang" heraus und "Tramadol", was mich nur noch mehr glauben ließ, hier einen ganz, ganz großen Fehler begannen zu haben. Dann legte er endlich auf. Er sah mich an, drehte sich um und kam nach ein paar Sekunden wieder. In seiner Hand war eine 2g-Packung Tramadol. "20 Baht", sagte er.


Asien und Drogen - das ist eigentlich eine Kombination, die nicht kombiniert gehört. Ich habe von einem Bekannte gehört, dessen Bekannter wiederum in einem Thai-Knast irgendwo im Süden sitzt. Sein Vergehen: Handel mit 150 Ecstasy-Pillen auf der berüchtigten Full Moon Party auf Koh Phangan. Ein Zivilpolizist erwischte ihn und brachte ihn in einem Schnellprozess ins Gefängnis. Da sitzt er heute noch - seit vier Jahren.


Das Gefängnis ist soweit abgeschoben, dass sich nicht mal die Botschaft um ihn kümmern kann. Ab und zu bekommt er Post mit Vitaminpräparaten, damit er sich im Knast kein Skorbut holt oder sich jeder Mückenstich in eine tödliche Infektion verwandelt. Die Todesstrafe, die er eigentlich bekommen hätte, wurde aus diplomatischen Gründen in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt.


Ein Bekannter, der schon seit Jahren illegal auf Koh Samui lebt, war jahrelang heroinabhängig. Das Geld dafür beschaffte er sich, in dem er zum Beispiel die Klimaanlage seines Vermieters ausbaute und verkaufte. Er schaffte es dennoch, davon loszukommen, fand eine Freundin, mit der er einen Sohn bekam, und lebte mehrere Jahre lang clean.


Irgendwann wurde er rückfällig. Er meldete sich bei einem Substitutionsprogramm an und bekam jeden Tag seine Ration Methadon. Aber irgendwie gefiel es ihm nicht, es knallte ihm nicht stark genug. Doch er wusste auch schon, was er dagegen tun konnte: Er spritzte sich zu dem Methadon einfach noch Heroin. Jetzt knallte es.


Zu der Zeit wurde er wegen Drogenbesitzes verhaftet. Er wurde in den Insel-Knast gesteckt und musste seine Zelle mit 26 anderen Thais teilen. Er wurde verprügelt, er wurde vergewaltigt, er wurde bedroht. Da fiel ihm plötzlich wieder eine Lösung ein: Seine thailändische Freundin sollte ihm Morphiumampullen in den Knast schmuggeln. Sie tat es und er setzte sich vor den 26 anderen Insassen eine Spritze. Mittlerweile ist er tot.


Ich will niemanden dazu ermutigen, in Thailand auf die Tramadol-Schiene abzurutschen. Tramadol ist in Thailand zwar nicht verboten, aber meistens ist es nur eine Frage der Zeit, bis man sich an andere Drogen heran wagt - und die sind strengstens verboten. Aber was soll man von den Drogengesetzen eines Landes halten, in dem man für einen Joint die Todesstrafe bekommt, während man gleichzeitig in jedem 7-Eleven Hustensäfte mit einem Opiumgehalt von 0,25% kaufen kann und Apotheken gegen Kopfschmerzen Opiate verschreiben?






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