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Tripbericht lesen

Übersicht:

Titel:Im Wandel der Zeit - im Rückfluss zur Vergangenheit
Drogen:Psilocybinhaltige Pilze
Autor:Siddhartha
Datum:06.08.2012 14:23
Set:positive Grundstimmung, von Erwartungen erfüllt
Setting:objektiv friedvolle Orte, Wohnung meiner Freundin
Nützlichkeit:8,44 von 10 möglichen   (18 Stimmen abgegeben)

Bericht:

Liebe Community,

den folgenden Text schrieb ich am Pfingstmontag. Da er einen tiefgreifenden Wandel in mir hervorrief und ich noch immer kaum fassen kann, was mit mir geschah, entschließe ich mich dazu, Euch daran teilhaben zu lassen:

"Ich versuche mich zu sammeln. Gegenwärtig fällt es mir schwer, die Ereignisse des gestrigen Tages zu rekonstruieren. Zu viele der Einflüsse, Eindrücke und Gefühle. Doch ich werde versuchen, anhand dieses Textes, meine Gedanken zu ordnen und zurückzuführen – auf jene Begebenheiten, die gestern ihren Lauf nahmen. Ich hoffe, dieser Text wird mir beim Verstehen des kaum in Worte zu fassenden behilflich sein.

Zur chronologischen Ordnung: heute ist Pfingstmontag, gestern – der Tag des Geschehens – war Sonntag. Bereits am Freitag, obgleich ich dieser Zeit von dem bevorstehenden Erlebnis noch nichts ahnte, legten sich bereits jene Weichen, über die später, auf schmerzliche Weise, die Züge meiner inneren Gefühle rasen sollten.
Ich erhoffte mir für das Wochenende eine kleine Portion des magischen Krauts, welches langweiligen Stunden seine Besonderheit auferlegt und die schönen Zeiten des Lebens in schwindelerregende Höhen zu katapultieren vermag. Im Laufe des freitags jedoch stellte sich heraus, jenes Vorhaben werde nicht aufgehen und meine Erwartung würde sich trotz aller Bemühungen nicht erfüllen. Ich nahm es hin, an und verdrängte, was nicht zu ändern war. Da sich das prophezeite Wetter bestätigte und mir schon am Samstag ein wunderbares Gefühl bescherte, entschloss ich mich des Samstagmorgen dazu, spontan und impulsiv auf die sich ergebenden Umstände zu reagieren und am darauffolgenden Tag eine kleine Portion hawaiianischer Pilze (Copelandia Cyanescens) zu essen. Das Wetter, sowie die Atmosphäre und Stimmung, waren perfekt. Auch die Tatsache, eine Woche vordem eine mäßig große Portion MDMA zu mir genommen zu haben, störten mich nicht – denn im Laufe einer Woche würde sich jede Gefühlsunebenheit glätten oder könnte zumindest kompensiert werden. Alles versprach meiner Erwartung, ein wundervoller Trip stehe bevor – nirgends ein Funke Zweifel, der das magische Feuer zum lodern bringen könnte…

Der Sonntag kam. Der Himmel, zu früher Stunde noch von Wolken bedeckt, klarte sich auf, ließ die Sonne durchschimmern und verzierte das ewige Blau mit kleinen Schäfchenwolken. In visueller Verzauberung sollte dies ein optisches Highlight versprechen. Die Stunden bis zum Trip las ich in einem philosophischen Buch, welches ich zu später Stunde im vertieften Zustand aufgreifen und neu durchdenken wollte; ich meditierte, um gute Voraussetzungen zu schaffen und tat eben alles, um einen wunderschönen Trip zu erleben. Kurzum: ich bereitete mich so vor, wie man es von einem erfahrenen Reisenden erwarten darf.

Um 11:30 Uhr nahm ich, ohne vorab gefrühstückt zu haben, etwa 0,8-0,9 Gramm der magischen Pilze zu mir. In einen Joghurt gerührt, welcher den Geschmack überdecken sollte, erschien mir der Schritt keineswegs groß – auch wenn ich dem Erlebnis meines Erachtens genügend Respekt entgegen brachte. Da mich meine Freundin, nüchternen Zustands, auf dieser Reise begleiten würde, wiegte ich mich in Sicherheit. Die ersten Gespräche in der Wohnung, wenige Minuten nach Einnahme, offenbarten mir schon, dass einige Gedankenfetzen aus dem Zusammenhang gerissen wurden und das Verfolgen eines roten Fadens im Gespräch immer schwieriger umzusetzen war. Aber dies war mir bekannt – gehörte nun mal dazu. Knapp 20 Minuten nach der Einnahme gingen wir raus, um das schöne Wetter genießen zu können. Bereits vor der Haustür merkte ich, wie die Hauswände um mich herum mächtig herausragten, Fenster wie Persönlichkeiten auf mich herab schauten. Die unterschiedlichen Formen, Farben und Muster der Hauswände schienen bereits, von einer inneren Macht ergriffen, sich ineinander zu bewegen und voneinander abzuheben.

Der immer wieder beeindruckende optische Effekt der Pilze offenbart sich in einer zweiten Schein-Ebene, welche sich langsam über die Flächen der Realität – wie Böden, Straßen und Hauswände – zu legen scheint; diese Ebene greift die Realität in Einzelteilen auf, zeichnet sie aber, von dieser abgehoben, völlig neu; schiebt sich über ihre Bestandteile und verläuft in sie. In diesen Visionen strahlen die ansonsten im Hintergrund verschwindenden Muster, welche nüchtern – weil bereits tausendmal gesehen – nicht mehr wichtig erscheinen. Aber in diesem Zustand ist alles neu. Die Wahrnehmungsfilter sind deaktiviert, die Sinne wie gereinigt. Es existieren nicht mehr Form und Farbe, als Leitbild gespeichert und deswegen keines Blickes gewürdigt; sondern die Welt erscheint in neuem Licht, wie zum ersten Mal – mit neuen Sinnen und kindlichem Verstand – wahrgenommen. Die Farbe Rot ist nicht mehr rot – wie man sie eben kennt; sondern schimmert in all ihren Facetten, so unendlich vielseitig, komplex, einzigartig. Der Stein, am Wegrand, ist nicht mehr nur Stein, wie es das Wort umfasst und beschreibt, sondern ist einzigartiger Gegenstand dieser Welt, ein Unikat, welches keinem zweiten ähnelt. Auf Lebewesen bezogen wird diese Vielseitigkeit schier grenzenlos – und doch sind die Gedanken- und Gefühlsströme zu schnell, um sie erfassen, ordnen und wiedergeben zu können. Viele dieser Einflüsse kann man erst im Nachhinein, bei erneutem Konstruieren dieser Erlebnisse, einigermaßen fassen und in Worte bannen.

Meine Freundin und ich gingen des Weges, welchen ich mir schon vorab im Geiste zurecht legte. Ein Ort, vollkommen symmetrisch gehalten, mit einem plätschernden Brunnen – bisher war mir dieser Ort schon oft, sowohl nüchtern, als auch in höheren Sphären, ein Ruhepol gewesen. Ähnliches erwarte ich mir auch diesmal – die Einsicht, die Optik, den Frieden. Dort angekommen, glänzte und strahlte alles um mich her – der Boden, die vielen kleinen Kacheln, sie alle liefen ineinander über, hoben sich ab und hervor und offenbarten mir ein lebhaftes Mosaik. Doch der erhoffte Frieden blieb aus, obgleich ich langsam das Gefühl gewann, der Trip sei nun seinem Höhepunkt nahe. Die Bitte meiner Freundin, sie an dem Erlebnis teilhaben zu lassen, musste ich leider zurückweisen, da mir zu dieser Zeit viel zu verworren und chaotisch erschien, was in meinem Kopf zerlief und zerfiel.
Aber eine prägende Erkenntnis dieser Zeit blieb, welche auch nachträglich noch großen Eindruck hinterließ: Pilze führen einen, wie von Zauberhand, über den Gefühlsstrang in die Gewalt der eigenen Seelenstürme. Mehr noch als LSD zaubern sie mystisch die Symbole, welche in Kontakt stehen mit einer der Realität hinterliegenden Zauberwelt. Hierbei spielen Verstand und Gedanken eine untergeordnete Rolle; vielmehr weckt und offenbart es jene Gefühle, die gerne hinter verschlossenen Türen gehalten. Aufgrund dessen, dass der Verstand nur wenig in diesen Welten mitmischt, sind diese Erlebnisse oft im Nachhinein nur schwer greifbar: denn es sind die Urgestalten der Gefühle – die Angst und das Glück – welche in diesen Sphären auf einen warten. Diese sich dato bereits ankündigende Erkenntnis sollte mir später noch eine große Lehre sein.

Sowie wir noch an diesem Brunnen saßen, ich den Frieden des Ortes einatmete, aber nicht aufnahm, kam eine fremde Person auf mich zu und verwechselte mich offenbar mit einem guten Bekannten. Auch wenn die Situation problemlos gelöst, hinterließ sie doch das mulmige Gefühl, ich könne Verwandten, Freunden oder Kollegen begegnen, die sich zufällig hier aufhielten. In einer Großstadt ist dies höchst unwahrscheinlich und kam in den vergangenen Jahren nahezu nie vor. Doch die Sorge geweckt, nahm sie ihren Lauf; manifestierte sich in den Blicken der Leuten, in der Umsicht des regen Verstandes. Ein mulmiges Gefühl machte sich breit, welches ich gut zu überdecken verstand.

„Ich, der Starke, der Erfahrene, der sich gut Vorbereitende, habe alles unter Kontrolle.“ Das dieser Gedanke, der mir so durch den Kopf ging, alle Fehler enthielt, die es später zu bereuen galt, sah ich in meiner eingeschränkten Sicht zu dieser Zeit natürlich nicht. Nur merkte ich, dass die Unstimmigkeit schon dadurch zutage trat, dass ich, soeben sitzend, das Gefühl bekam, lieber liegen zu wollen – aber auch darin keine Erfüllung ahnte; gleichsam hatte ich das dringende Bedürfnis, menschenleere Gegenden aufzusuchen, um einer zufälligen Begegnung auf jede nur mögliche Weise zu entgehen. Allmählich wurde mir der wellenförmige Wirkungscharakter der Pilze bewusst – Momente der Versenkung gefolgt von Augenblicken absoluter Klarheit. Insbesondere optisch wurden diese Veränderungen mehr und mehr deutlich.

Wir standen auf und gingen weiter. Vor uns eine Meute junger Frauen – vertieft und verstrickt in ihre belanglosen Gespräche; kichernd, erzählend, lachend. Doch was mein Gehör herausfilterte und dem Bewusstsein zuließ wurde bizarr – Obertöne, ineinander lappend, sich zu einer kosmischen Stimme verbindend; menschliche Worte suchte ich vergebens. Ich blendete die Absurdität aus und sah sie als Teil des Puzzles, welches ich erst Stunden später zu begreifen verstünde.
So spazierten wir auf einer von Fußgängern, Radfahrern und Sportlern genutzten Straße, die aber weiter abseits führte – ein wenig in Richtung Wälder und Natur. Zu dieser Zeit war etwa eine Stunde seit Einnahme vergangen.

Auf diesem Weg erlebte ich faszinierende optische Erscheinungen. Vögel, in ihrer einzigartigen Pracht. Bäume, von Leben erfüllt. Ein kleiner See, Heimatort vieler tausend Lebewesen. Doch die erwartete Freude blieb aus – vielmehr stieg mir zu Kopf, ob die Wirkung nicht bald abflauen mag; dass ich doch hoffentlich den größten Teil der Reise bereits hinter mich gebracht habe. Aber dies traf nicht zu, so wusste ich, ohne mir dasselbe einzugehen. Nach einigen Metern bot sich die Möglichkeit, nicht nur neben dem städtischen Fluss herzulaufen, sondern ihm auch sehr nahe zu sein. Ein kleiner ungepflasterter Pfad, direkt neben dem Fluss. Meine Freundin und ich stiegen den kleinen Weg hinab und setzten uns gemeinsam auf einen kleinen quer liegenden Baumstamm. Auf erneute Nachfrage, was in mir vorgehe, konnte ich nur erwidern, ich werde ihr erst heute Abend viel erzählen können, gab ihr aber zu verstehen, sie sei ein unglaublich wichtiger Teil meines Lebens. Doch eine richtige Ordnung und Erkenntnis wollte sich in mir nicht zusammenführen – weder die zu genießenden, einzigartig schönen Momente, noch die tiefen wegweisenden Erkenntnisse schlossen sich zusammen. Ich wusste noch nichts mit all dem anzufangen. Als wir so am Fluss saßen, in schönster Umgebung, bei idealem Wetter, drückte mich das Gefühl, es mir selbst nicht recht zu machen – die Menschen hier waren mir zuwider, ich kam mir verfolgt und beobachtet vor, sah gar Menschen und Gesichter, wo keine waren. Und plötzlich hatte ich das starke Gefühl, reden zu müssen – nicht, wo mich dem Anschein nach jeder hören könne, sondern an einem ungestörten Ort, wo ich frei sein durfte. Und obgleich es allem widersprach, der Schönheit des Tages den Rücken zu kehren und die Zeit hinter verschlossenen Türen zu verbringen, bat ich meine Freundin, mit mir umzukehren. Der Weg schien mir jetzt unendlich weit, doch umso mehr notwendig, um endlich einigermaßen von all dem Umliegenden befreit zu werden. Etwas verwundert, folgte meine Freundin diesem Wunsch und ging mit mir zusammen in Richtung des vertrauten Heimes.

Der Weg wurde mehr gedankenlos beschritten – manchmal stieg der Gedanke zu Kopf, die ausstehenden Meter überwinden zu müssen, um mich endlich öffnen zu können, um offen eingestehen zu können, was mir Unbehagen bereitet: die Menschen und Blicke, die Furcht, einem Bekannten zu begegnen oder erwischt zu werden; ich wollte mit ihr alleine sein und sie nur fest halten, um durch Berührung zu zeigen, wie wichtig sie mir ist, wie sehr ich sie doch brauche und wie wenig lebenswert mir ein Leben ohne sie erscheint. Ein einziger erwähnenswerter Moment ist mir von diesem Weg zurück noch in Erinnerung: wir blieben an einem Baum stehen und fassten denselben an. In dem Moment, als meine Freundin ihn berührte, spürte ich richtiggehend, wie sie Farbe und Form, Muster und Essenz von diesem Baum aufnahm – er durchströmte ihren Körper und übersäte ihre Haut mit seinen Mustern. „Faszinierend“, dachte ich mir, verlor aber keinesfalls das Gefühl, schnellstmöglich heim zu wollen.

So wie wir die Wohnung wieder betraten (es war kurz nach 1 – also mehr als 1 ½ Stunden nach Beginn der Reise), setzte ich mich erst mal wieder auf die Couch und befreite mich von der wesentlichsten, mir wie Fesseln erscheinenden Kleidung. Plötzlich wurde alles, was zuvor lange ersehnt wurde, nebensächlich. Optische Effekte waren da, übersäten mein Sichtfeld, doch wurden vollkommen uninteressant – langsam schien der schwindende Verstand zu begreifen, dass die Schere zwischen Erwartung und Vorsehung, immer weiter auseinander klaffte; wohin mich das Schicksal jedoch führen sollte, konnte ich zu diesem Moment in nichts erahnen.
Meine Aufpasserin begriff wohl langsam, dass etwas nicht so ganz nach meiner Vorstellung verlief, machte sich aber wohl kein Bild davon, welche Formen dies annahm; ich erklärte ihr kurz, zusammenhangslos, die wichtigsten Begebenheiten welche mich dazu führten, den Heimweg anzutreten. Sie nahm sich selbst zurück und gab mir ein Höchstmaß an Verständnis. Daraufhin bat ich sie, ein uns sehr angenehmes, sphärisches Musikstück anzumachen. Dieses Stück hatte mich bei meinem ersten Pilz-Erlebnis , welches sich damals in einem Horrorszenario entfaltete, wieder in den ersehnten Einklang gebracht. Sie suchte die CD, wollte aber, bevor sie dies anmachte, noch mit ihrem Vater telefonieren, um zu erfragen, ob wir uns morgen mit ihm treffen können. Dieses Treffen war zwar geplant, stand jedoch nicht auf festen Füßen, da es ihrem Vater gesundheitlich nicht so gut geht. Innerlich fürchtete ich diesen Anruf. Er erschien mir unheilvoll, obgleich jedwede Antwort in keinem Verhältnis zu meiner Reaktion stehen würde.

Ich saß auf der Couch und sah ihr beim Anrufen zu. Ich hoffte und bangte, er würde dem Treffen zustimmen, wir könnten ihn des Folgetages etwas aufheitert. Aber er sagte ab, da er sich nicht gut zu fühlen schien. Da meiner Freundin ihr Vater sehr wichtig ist und schwer am Herzen liegt, spürte ich, dass sie dieses Telefonat mitnahm. Nichts desto trotz machte sie das sphärische Musikstück an und wollte sich in die Küche begeben, um einen Salat zu machen. Aus einer intuitiven Reaktion, einem starken inneren Ruck heraus, bat ich sie zu mir…

Dies war der Zeitpunkt, an dem meine Kräfte endgültig versagten – alles verschwamm in ein schemenhaftes Erleben, welches von keinem Gedanken mehr umfasst werden konnte. Die gigantischen Gebilde meiner Gefühle, zuvor noch von der Notwendigkeit zur Unscheinbarkeit gehalten, fielen mit einem Mal auf mich nieder. Nun begreife ich, dass ich die Stunden zuvor bei weitem nicht angekommen war, nicht ankommen durfte; ich legte mir die Erwartung zurecht, glaubte mich in der Sicherheit meiner eigenen Stärke, meines philosophischen und psychologischen Wissens; ich glaubte, Herr der Gefühle zu sein, überlegen meiner Selbst gegenüber – doch der Geist, welcher mir Aufschub gewährte, versagte seine Gnade, ließ mich nicht mehr ruhen – er warf mich ins eiskalte Meer meiner Gefühle, ins Fegefeuer meiner inneren Ängste. Das, was in diesem Meer geschah, lässt sich nur schwer rekonstruieren; die Erinnerungen sind nur in wenigen Gefühlsfetzen vorhanden. Doch möchte ich trotzdem versuchen, zu umschreiben, was dieser Zeit in mir vorging: das Telefonat zum Anlass genommen, begannen die Erlebnisse ihren Lauf zu nehmen. Wellen der Angst überfluteten meine Person – und sie steigerten sich unaufhörlich fort: Angst um ihren Vater, Angst um meine Person, Angst vor Einsamkeit, Angst vor dem Wahnsinn, Angst vor dem Tod. Alle diese Ängste manifestierten sich bildhaft vor meinem inneren Auge: Begriffe wie „Tod“, „Schizophrenie“, „Wahnsinn“, „Abgrund“ spukten mir vor Augen und durch den Kopf. In mir zerfiel alles, was ich je aufgebaut hatte, was ich über Jahre zu füttern und anzureichern versuchte; die Vergangenheit floss in die Gegenwart, floss in die Zukunft. Es gab keinen Halt mehr, keine Zeit, keinen Verstand, keine Gedanken – nur ein übermächtiger Schwall der Gefühle; die Ängste, wie oben beschrieben, flossen zusammen: in einen gewaltigen Strom zu einer Grundform der Angst. Alle ihre Facetten sind lediglich Ausdrucksform und Projektion ihrer Selbst – abgewandelt und umgeleitet durch die Kanäle der Negation; doch in diesem Strom gefangen, erkannte ich das Dunkel ihrer wahren Essenz. Ohne mich der Willkür zu erinnern und vermutlich ohne sie überhaupt gehabt zu haben, schüttelte ich mich wie wild hin und her, von einer Seite zur anderen, konnte keinen Moment der Stille ertragen. Diese Bewegungen, dieses unaufhörliche, unwillkürliche, heftige Zucken war mir Ventil, körperlich auszugleichen, was in mir jeden Halt versagte. In diesen Augenblicken, die vollkommen von der Zeit beraubt wurden, sagte ich meiner Freundin immer wieder: „Ich brauche Dich.“, „Ich brauche Dich.“, „Ich brauche Dich so sehr.“ Sie war da, hielt mich fest, nahm mich in die Arme – und trotzdem immerwährend der Satz: „Ich brauche Dich.“
Der Zustand spitzte sich zu. Mein Gesicht ins Kissen vergraben, mit meinen Händen die Haare haltend, immer in der unaufhörlichen Bewegung: ich fühlte mich verloren, im Urgrund des Seins verlassen; es gab kein Ende und kein Anfang – keine Vergangenheit und keine Zukunft; alles zerfloss um mich her. Ich presste Tränen aus mir heraus, hielt mich an ihren Beinen fest, schrie innerlich den geballten Schmerz aus mir heraus…

Und dann…
wachte ich auf. Urplötzlich, wie von Geisterhand, löste sich alles auf und ich war wieder bei vollem Verstand. Von einer Sekunde zur nächsten. Aber es war nicht nur der Verstand, der wieder Einzug erhielt. Es war das Leben, welches mich mit offenen Armen empfing. Ich sah mich um, sah meine Freundin, noch leicht besorgt und setzte die Welt blitzartig in meinem Kopf zusammen. Im Nachhinein vollkommen absurd, stellte ich fest: „Das jetzt beginnende Stück war mal mein Lieblingsstück auf der CD.“, folgerte weiterhin, der Trip würde nicht mehr allzu lange dauern, da, um halb 12 begonnen, nun kurz nach 2, nur noch etwa 2 Stunden dem folgen würden.“ Ich lachte. Auf die eher verwunderte Nachfrage, ob ich denn etwas von dem Erlebnis habe, meinte ich nur grinsend: „Na klar.“ Die völlige Ironie in Anbetracht des Zustandes, den ich kurz davor noch durchlitt. Sie fragte mich: „Was möchtest Du jetzt hören, ehe Du wieder versinkst.“ Intuitiv sagte ich: „Keith Jarrett“ und fügte dem bei, ich werde nicht wieder abtauchen. In dem Augenblick schien es mir vollkommen klar – überlebt und überwunden; nun: ein neuer Mensch.

Was in den letzten 30 Minuten passiert war, konnte ich in diesem Augenblick nicht sagen. Ich wusste nichts – nur einen Bruchteil dessen, was hier steht; nur angesichts der sich entwickelten Gefühlswelt war mir gewahr, dass ich etwas überwunden hatte und mir nun keine Gefahr mehr drohe.
Meine Retterin setzte sich an den PC und machte unser Lieblingsstück von Keith Jarrett (im weitesten Sinne ein Jazz-Pianist, der durch wunderschöne improvisierte Stücke zu begeistern weiß) an und sowie ich die ersten Klänge hörte, tauchte ich ab – in Wellen und Welten der Musik; mehr noch als durch jedes Entaktogen, verlor ich jegliche Hemmungen, sang, schwang, bewegte die Hände zur Musik, spielte das Klavier, drehte die Arme im Wirbel zur Musik – es war unbeschreiblich schön, das Summen, das Singen, das Spielen; ich war ganz und gar in diesem Stück, sah nicht die Musik, aber lebte sie – und zwar durch und durch. Das Stück konnte mir gar nicht lange genug dauern, als ich mich zurückfallen ließ und im Liegen die Gebilde dieser Musik formte. Ohne dieses Erleben werten zu wollen, war es wohl das bislang eindrucksvollste Erlebnis, welches ich mit Musik je hatte. Und obgleich meine Freundin nüchtern war, steckte sie diese Begeisterung vollends an. Wir waren absolut Eins. Optische oder akustische Effekte waren belanglos – denn hier floss die ganze Welt in eine Einheit; alles, was zuvor ein Schauspiel bot, waren nur Facetten, einzelne Seiten eines großen Ganzen.
Leider viel zu schnell endete das großartige Musikstück. Dem folgten weitere Stücke von Keith Jarrett, die allesamt ergreifend auf mich wirkten. Es war kein Funke von Negation mehr vorhanden, die gesamte Welt war mir wohlgesonnen. Lustigerweise kam zu diesem Zeitpunkt auch die Sonne hinter den Wolken hervor und lächelte mich an, was mich, in symbolträchtigem Zustand, sehr belustigte. Allmählich setzte sich das Erlebnis bruchstückhaft zusammen. Einzelne Zusammenhänge wurden mir gewahr. Die Erklärung der Reise sollte sich mir aber erst sehr viel später bieten.

Da es erst nach 3 Uhr war, die Sonne noch schien und wir beide des Tages noch nichts gegessen hatten, beschlossen wir, gemeinsam rauszugehen. Ich hatte das dringende Bedürfnis, sie nach diesem Erlebnis zum Essen einzuladen. Sie sagte zu und wir machten einen ausgedehnten Spaziergang zum nahegelegenen Biergarten. Während des Gehens beobachtete ich sehr intensiv die Welt um mich her. Sie bot mir ein zauberhaftes Schauspiel: alles schwang in einer göttlichen Ruhe. Die Bäume, die Wolken. Nicht den Erwartungen entsprochen, sondern vielmehr von denselben gereinigt. Alles war so, wie es sein soll – und keinesfalls, wie es zu sein hat. Die „Istigkeit“ der Welt, um einmal Aldous Huxley zu zitieren, war wieder hergestellt und die innere Unruhe aller Objekte, zuvor von mir selbst ausgehend, war schlagartig erloschen. Auch konnte ich nun die ersten halb zusammengesetzten Erklärungen liefern, was soeben mit mir passierte: das vollständige Zurückführen der Erlebnisse auf all meine Fehler war mir dennoch nicht möglich. Das war jedoch nicht verwunderlich, denn immerhin war der Trip noch am wirken, wenngleich ich sein Ausklingen deutlich spürte. Mich verwunderte nur sehr stark, dass diese unendliche Gewalt der Pilze in nur einer übermächtigen Welle über mich schwappte; nicht das mir bekannte Auf und Ab, einander stetig folgend, nicht aufhören wollend, sondern eine Tauchfahrt ins Meer der Gefühle mit anschließender besonnener Klarheit. Das dies wohl tatsächlich einem sogenannten Ego-Tod entsprach, konnte ich bis dahin noch nicht deuten. Aber es fühlte sich gut an. Und genau das war mir jetzt wichtig.

Wir aßen sodann das Frühstück, Mittag- und Abendessen in einem, rundeten es ab mit einem Eis und machten wiederum einen Spaziergang zurück, der einige Wege aufgriff, welche schon am frühen Nachmittag beschritten wurden. Und obgleich das Erlebnis erst wenige Stunden vergangen war und mir die Erinnerung noch gegenwärtig erschien, hatten all die Ausdrucksformen des vorherigen Trips keinen emotionalen Nachklang – obschon dieser fast vollständig nur aus Emotionen bestand. Ich war diesem Unbehagen derart fern, dass es mir kaum vorstellbar schien, welches Martyrium ich durchlaufen musste. Der Blick auf die Stadt war zauberhaft. Die Sinne gereinigt, sahen sie die unendliche Vielseitigkeit der Welt: der Himmel erschien so unendlich groß, alles Leben so innig und authentisch; nur der Mensch mit seinen Autos kam mir vor, wie ein determinierter Strom durch die Zeit. Aber dieses Erlebnis ist mir auf Psychedelika nicht fremd.

Der restliche Abend sowie der gesamte heutige Tag, waren begleitet von einer unaufhörlichen Heiterkeit, einer sehr tiefen Hingabe und Zuneigung zu meiner Gefährtin, welche mich in den schwierigsten Momenten begleitet hat und einer sehr intensiven Liebe zur Natur mit all ihren Bewohnern. Auch heute ließ dieses Gefühl, eine große, unterbewusste Blockade überwunden zu haben, nicht nach – im Gegenteil: ich kann nun deuten, was mir die Reise vor Augen geführt hat und was zuletzt ihre Quintessenz sein soll. Und ihrer bin ich derart froh, dass ich nun still lächeln und dem heiligen Pilzgott meinen Dank aussprechen kann.

Wie schriftlich immer wieder angedeutet, war die Vorbereitung auf das Erlebnis zersetzt durch Erwartungen – diese legte den Rahmen fest, wollten einen Schön-Wetter-Trip, wollten an vorherige Erlebnisse anschließen und schöne, bunte Bilder sehen. Die Tiefe und Unberechenbarkeit der Erfahrung habe ich, in meinem Leichtsinn als Erfahrener, vollkommen unterschätzt. In erster Linie zerriss mir die Erfahrung meine Erwartungen; gab mitnichten, wonach ich verlangte, sondern spielte ihr Spiel nach ihren Regeln.

Darüber hinaus führte es mir vor Augen, dass die durch mein Ego aufgerichtete Fassade, ich sei durch und durch stark, verstehend, erfahren, mich völlig von meinem wahren Selbst weggeführt hat. Die Tatsache, ein großes Wissen zu haben, Zusammenhänge in der Welt zu begreifen und seine Person in jeder erdenklichen Situation reflektieren zu können, sagt nichts über die Seelenwelt aus. Zu vermeinen, das Wissen überdecke die Gefühle, die Weisheit lindere die Stürme der eigenen Seele, ist derart töricht, dass das Schicksal mir alleine dafür einen Strafzettel verpassen musste. Gefühle sind eine ungemein starke Kraft im Menschen. Und der Versuch, sie mit dem Verstand im Zaun zu halten, zu ordnen oder zu bannen, ist leichtsinnig: das ist nichts als ein Verdrängungsmechanismus, der unterdrückt, was innerlich brennt. Erst im Fegefeuer wird man sich der Torheit bewusst, die Gefühle nicht einfach befreit zu haben – und wer glaubt, es gehöre sich nicht, schwach zu sein – der hat entweder keine Gefühle oder ein viel zu großes Ego.

Und die letzte Rechnung geht auf das Konto der empathogenen Helferlein, die mir die Welt in der Vergangenheit sehr beschönigt haben, ohne ernstliche Konsequenzen zu verlangen, jedoch einen – für mich – unnatürlichen Weg darstellen, mit meinem Leben zu verfahren. Ich habe die Freiheit geliebt – jene Freiheit, in der Musik zu zerfließen, Hemmungen zu verlieren, zu tanzen – all jene Unbeschwertheit, seinen Gedanken vollen Ausdruck zu verleihen, weil man keine Blockade mehr in sich erkennt. Doch nach wenigen Stunden ist die Wirkung vorbei. Was folgt: der Sturzflug. Damit wurde abgerechnet. Auf brutale Weise. Denn spätestens bei der Musik, die sich der Tortur anschloss, erlebte ich eine Freiheit und Hemmungslosigkeit, die ich durch kein chemisches Präparat je erleben konnte. Damit möchte ich MDMA und Konsorten nicht an den Pranger stellen, denn auch sie bieten Potenziale und können auf recht unkomplizierte Weise durchaus von Hemmungen, Bedrängnissen und Ängsten befreien – nur ist hierbei ein nachhaltiger Effekt wesentlich schwerer zu erreichen, als durch eine tief greifende Offenbarung.

MDMA überschwemmt das Gehirn mit Glückshormonen, was es gewissermaßen blind macht für die eigentlichen Vorgänge; durchaus nützlich aber, wenn der Blick nüchtern nicht mehr standzuhalten vermag.

LSD führt über die Pfade des Verstandes in die Tiefen des Unterbewusstseins. Darin bildet es Erkenntnisse um die Welt, im Rückschluss auf die eigene Persönlichkeit. Man blickt durch LSD hinter die Kulisse, versteht, wie die Welt in der Tiefe zusammenhängt und welche Rolle man selbst, objektiv, darin einzunehmen vermag. Die eigene Person wird dabei durchleuchtet von Erkenntnissen jeder Art (eine weiterführende Beschreibung könnte hier natürlich noch Seiten füllen).

Pilze jedoch sind eine Offenbarung. Nicht im Verstand, durch Erkenntnisse, sondern symbolhaft, durch die Gefühle. Sie spielen darin eine übergeordnete Rolle und können einen in ungeahnte Höhen, aber auch abgründige Tiefen mitnehmen. Die Bewältigung innewohnender, aber festsitzender Gefühle spielen dabei meines Erachtens eine noch größere Rolle, als bei LSD und MDMA.

Abschließend möchte ich meine Freude bekunden, dass es in dieser Welt Möglichkeiten gibt, wahrlich in die Tiefe zu blicken und auch tiefsitzende Gefühle und Gedanken zu begreifen und zu überwinden. Ich danke allen, die eine sinnhafte Therapie mit diesen Substanzen fördern und hoffe in Zukunft auf einen breiteren Nutzen; möchte aber nichts desto trotz vor allem vor der leichtfertigen Verwendung warnen. Wir haben es hier mit Mächten zu tun, die richtig eingesetzt unvorstellbare Potenziale besitzen, aber leichtfertig gebraucht, verheerende Zerstörung anrichten können.
Zu guter Letzt offenbaren sie aber genau das, was man sehen soll – und auch dann, wenn man es zu Anfang nicht zu verstehen vermag…

Es grüßt Euch,
Siddhartha"






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