Tripbericht lesen
Übersicht:
| Titel: | MDMA III - Like a minefield on fire |
| Drogen: | Mischkonsum von Ecstasy, Cannabis und Speed (Reihenfolge vom Autor festgelegt) |
| Autor: | iter animae |
| Datum: | 26.05.2013 23:27 |
| Set: | Zunächst weder gut noch schlecht gelaunt, etwas verschlafen |
| Setting: | In der Amsterdamer Innenstadt |
| Nützlichkeit: | 8,73 von 10 möglichen (37 Stimmen abgegeben) |
Bericht:
"And me? I still believe in paradise. But now at least I know it's not some place you
can look for. Because it's not where you go. It's how you feel for a moment in your
life when you're a part of something. And if you find that moment... It lasts forever."
— Richard (The Beach)
"Oh my god... Holy shit... this is incredible... everything is so beautiful here, just have a look at all the beautiful people and all the beautiful trees... and you are beautiful, too. I love you, you know that? I love you more than anything else..." – Der Wortschwall, der aus dem Mund meiner bis dahin recht schweigsamen Freundin quoll, ihr begeistertes, glückliches Gesicht sowie die Tatsache, dass sie plötzlich angefangen hatte, Englisch zu reden ließen mich auf zwei Dinge schließen. Erstens: Die Pille, deren andere Hälfte sich in meinem Magen befand, hatte bei ihr eingeschlagen. Und zweitens: Sie schien alle Erwartungen zu übertreffen.
Es war der zweite Tag unseres Amsterdam-Urlaubs. Noch in Deutschland hatte ich eine weiße, ungewöhnlich große E-Pille erworben, die die Form eines Totenschädels hatte und laut Verkäufer etwa 350mg MDMA enthielt. Durch den Trip, von dem ich euch berichten möchte, avancierten die "weißen Schädel" zu meinen absoluten Lieblingspillen. Ich finde sie sogar besser als die meisten MDMA-Kristalle, die ich in vergleichbarer Dosierung bisher konsumiert habe.
Wie ich da stocknüchtern neben meiner immer aufgedrehter und anhänglicher werdenden Freundin im nicht allzu bequemen Oktoberwetter durch den fast leeren Vondelpark lief (es war neun Uhr morgens an einem Sonntag), fiel mir auf, dass wir das E vor etwa einer halben Stunde geschmissen hatten. Da mein Magen für seine Lethargie bei der Verdauung von Drogen aller Art bekannt ist, konnte ich locker damit rechnen, noch über eine Stunde auf eine Wirkung warten zu müssen. Angesichts dessen mischte sich zu meiner sich schleichend manifestierenden Vorfreude ein wenig Frustration darüber, jetzt noch so lange dieses unglaublich süße, jedoch schon etwas anstrengende Verhalten meiner Begleiterin nüchtern erleben zu müssen. Da ich bei meinen wenigen Malen als Tripsitter für andere die Erfahrung gemacht habe, dass sich diese Aufgabe prall viel angenehmer bewältigen lässt, beschloss ich, einen Coffeeshop aufzusuchen.
Wir gingen also vom Vondelpark zum Leidseplein, einem der bekanntesten Plätze Amsterdams. Hier ist eigentlich immer irgendetwas los, egal wie viel Uhr oder welcher Tag es ist. Gerade stand eine Traube von Menschen um ein paar Musiker, die ziemlich originalgetreue Neuinterpretationen von Pop-Songs der letzten dreißig Jahre zum besten gaben und damit meine Freundin natürlich sofort in ihren Bann zogen: "Holy shit, that's incredible! Holy shit!" rief sie voller Inbrunst, immer noch auf Englisch. Da sie noch nicht volljährig war, ließ ich sie kurz mit ihrer Euphorie alleine und ging in den Coffeeshop. Dort kaufte ich bei einer netten Dame, die wie ein Pförtner in einem Glaskasten saß und irgendwie Ähnlichkeit mit meiner Großmutter hatte, ein wenig Super Polm.
Und dann, ganz plötzlich und viel früher als erwartet, ging es los. Als ich die Stufen des im Keller gelegenen Coffeshops auf dem Weg zum Ausgang hoch lief, fing mein Herz an, viel stärker als gewohnt zu schlagen. Es schlug so intensiv dass ich beinahe spüren konnte, wie es mit immenser Kraft das Blut, das in meinen Ohren rauschte in meine Adern pumpte. Es pochte einmal, zweimal, dreimal und ein viertes Mal. Und mit dem fünften Schlag überkam mich eine Euphorie, die so gewaltig war, dass ich mindestens eine halbe Minute brauchte, um sie überhaupt als solche erkennen zu können. Es war ein unglaublich intensiver Rauschzustand, so intensiv, dass ich ihn mir nicht stärker vorstellen konnte.
Doch er wurde noch stärker, viel stärker. Immer wieder, in immer kürzeren Abständen kamen weitere Herzschläge, die weitere Wellen aus Euphorie auslösten. Als ich endlich den Ausgang erreicht hatte und wieder in die kühle Außenwelt hinaustrat, hatte sich der Leidseplein mit all seinen Leuten, der Musik, seinen außergewöhnlichen Häusern und seinen plötzlich viel intensiveren Farben in meiner kurzen Abwesenheit zum schönsten Ort auf dieser Welt verwandelt. Und da, mitten in dieser Traube aus glücklich aussehenden Gestalten stand der schönste Mensch auf dieser Welt. Ich rannte hin zu ihr und sagte ihr so viele Dinge, die mir erst jetzt bewusst wurden, auch wenn sie schon die ganze Zeit da gewesen waren. Als wir uns dann umarmten, das erste von vielen Malen an diesem unvergesslichen Tag, da fühlte ich mich, als wären wir der Punkt, um den sich, zumindest für heute, die Welt drehte.
Irgendwann fing auch ich an, Englisch zu reden (Kommunikation in zwei verschiedenen Sprachen gestaltet sich auf Dauer etwas problematisch, wenn man nicht mehr ganz nüchtern ist). Ich erzählte ihr von meiner Lieblingsmetapher für die Wirkung MDMA, einer Bombe, die explodiert, und sagte, dass es dieses Mal ganz anders sei. Ihre Antwort traf es perfekt: "Yeah, I know what you mean... it's more like... you have a great field of mines and one of them explodes and coaxes the others to burn. It's like a minefield on fire!"
Als wir wieder zu den Musikern blickten, hatten diese gerade eine Pause eingelegt. Da wir beide ziemlich durstig waren, beschlossen wir, in den Burger King zu gehen. Nachdem wir uns dort gemeinsam eine Cola geholt hatten (irgendwie erschien es uns angemessen, zusammen aus einem Becher zu trinken), gingen wir ins Obergeschoss. Von dort aus hat man eine wunderbare Aussicht auf das bunte Treiben am Leidseplein. Erst, als wir uns hingesetzt hatten fiel uns auf, dass wir ganz alleine im Restaurant waren. Es war, als hätte der Laden nur für uns geöffnet, nur, damit wir hier sitzen und glückliche Gespräche führen konnten.
Erst sinnierten wir über ganz banale Dinge. Zum Beispiel, dass es ein genialer Einfall ist, einen Burger King direkt neben einen Coffeeshop zu setzen. Doch dann wurden unsere Gespräche anders, tiefer. Wir hatten zwar seit wir uns kannten noch nie oberflächlichen Kontakt unterhalten, sondern uns immer schon eher mit wichtigen Dingen befasst, aber über unsere Beziehung hatten wir in ihrem, zu diesem Zeitpunkt erst dreimonatigen, Bestehen noch nie geredet. Und es gab erstaunlich viele Dinge, die wir wahrscheinlich bis heute nicht angesprochen hätten, hätte es diesen Tag nicht gegeben: Intimste Details, Ängste, Dinge, die wir am anderen mochten und allgemein Sachen, die wir uns nie zuvor zu sagen getraut hatten.
Als wir den Burger King nach einer gefühlten Unendlichkeit verließen, um kurz in unser Hotel zu gehen, da hatten ich das Gefühl, dass unsere Beziehung in der Zukunft noch intensiver und schöner sein würde als je zuvor. Diese Vorahnung hat sich mehr als bewahrheitet, wie ich sieben Monate später zu vermelden vermag.
Der Beschluss, "kurz" ins Hotelzimmer zu gehen um ein paar Sachen zu holen führte dazu, dass wir bis zum späten Abend im Bett hängen blieben. Dort führten wir zunächst weiter angeregte Gespräche und begingen dann die meiste Zeit den Versuch, das zu tun, was ein junges Pärchen eben so tut wenn es sehr glücklich ist. Leider scheiterte dies an den allgemein bekannten Problemen, die ein Mann eben so hat, wenn er Upper in hohen Dosen konsumiert hat.
Als wir dann nach vielen Stunden endlich Anstalten machten, das Zimmer unverrichteter Dinge wieder zu verlassen, war es bereits dunkel draußen. Wir zogen noch je eine Line Speed, da wir beide etwas verspult waren und den Abend noch nutzen wollten. Das machte uns wieder relativ klar im Kopf. Wir ließen den Tag mit einem langen Spaziergang durch die nun viel belebteren Straßen ausklingen. Dabei gerieten wir noch mitten in einen Jahrmarkt, mit niederländischen Poffertjes und einem verlockend aussehenden Riesenrad, mit dem wir eine Runde fuhren.
Während wir da oben, hoch über den Dächern Amsterdams, Arm in Arm noch einen rauchten nährte der letzte, schwache Rest der MDMA-induzierten Euphorie meinen Glauben an unsere Liebe in einer Form, die ich in meinem Leben noch nie verspürt hatte.
Erst jetzt wurde mir richtig bewusst, was ich heute erlebt hatte: Ich, der eigentlich ziemliche Probleme mit Emotionen aller Art hat, hatte das normalste und schönste Gefühl in mir entdeckt, das es gibt. Das Gefühl, das einem einzig und allein die erste große Liebe geben kann.
Und wenngleich das MDMA längst aus meinem Körper verschwunden ist, ist da immer noch dieses Gefühl. Dieses Gefühl, das mir an diesem kalten Oktobertag in Amsterdam zum ersten Mal wirklich bewusst wurde. Und es wird mit jedem Tag intensiver – "...like a minefield on fire".
Es mag für einen Außenstehenden vielleicht etwas traurig klingen, aber E hat unsere Beziehung auf eine Ebene gehoben, die wir sonst wahrscheinlich erst viel später, vielleicht aber auch bis heute nicht erreicht hätten. Und ich bin nicht der Einzige, der von einem solchen Erlebnis berichten kann, wie ich von ein paar guten Freunden weiß.
In diesem dritten und letzten Tripbericht über meine außergewöhnlichsten Erfahrungen mit MDMA, den ich hier abliefern werde habe ich versucht, die schönste dieser Erfahrungen in Worten wiederzugeben. Ich hoffe, dass mir das gelungen ist.
In erster Linie wollte ich euch das schönste Gesicht, das mir die Wunderdroge je gezeigt hat, vorstellen: MDMA kann pure Liebe spüren lassen. Und das schönste ist, dass es dabei nicht Liebe erzeugt, sondern nur die Liebe, die in jedem von uns steckt in unser Bewusstsein rückt.
Eines habe ich an diesem Tag gelernt: Wahre Liebe kann nicht stärker werden, sie kann einem nur bewusster werden. In dieser Hinsicht hat mir E an diesem Tag erneut seinen Status als eine Droge bestätigt, die, im richtigen Moment angewandt, langfristig wertvolle Erfahrungen zu erzeugen vermag.