Tripbericht lesen
Übersicht:
| Titel: | Alle Wunder dieser Welt |
| Drogen: | Mischkonsum von 2C-B und Cannabis (Reihenfolge vom Autor festgelegt) |
| Autor: | iter animae |
| Datum: | 08.10.2013 01:00 |
| Set: | Gut drauf, erwartungsvoll |
| Setting: | An einem wunderschönen Strand in Italien |
| Nützlichkeit: | 9,18 von 10 möglichen (38 Stimmen abgegeben) |
Bericht:
"Doch höher stets, zu immer höhern Höhen
Schwang sich der schaffende Genie
Schon sieht man Schöpfungen aus Schöpfungen erstehen,
Aus Harmonien Harmonie "
— Schiller (Die Künstler)
Schon die ganze Zeit drehte ein Wort, das die Situation zweifelsohne besser zu beschreiben vermochte als jedes andere, in meinen ziemlich unsortierten Gedanken seine Runden: Perfekt. Ja, dies war wohl wahrlich der perfekte Augenblick: Irgendwo im Sand der kilometerlangen italienischen Adriaküste, an die sich zu dieser Zeit für gewöhnlich nur Betrunkene und verliebte Pärchen verirren, saßen wird. Hinter uns lag die Welt der Anderen. Vor uns, weit entfernt am Horizont, und doch so nahe in unseren Köpfen, lagen alle Wunder dieser Welt.
Ein paar Stunden zuvor hatten wir noch an einem ziemlich heruntergekommenen Campingplatz gesessen, auf dem wir gerade mit einer größeren Gruppe unseren Urlaub genossen. Gerade wurde gemeinsam gegrillt, und während unsere Freunde dieses Zusammentreffen nutzten, um in Ruhe über die Abendplanung nachzudenken, hatten wir es eher eilig. Denn der weitere Verlauf unseres Abends stand schon fest: Noch vor Sonnenuntergang wollten wir am Strand sein, unser mitgebrachtes 2C-B konsumieren und mit Einbruch der Dunkelheit draufkommen. Wir, das waren ich, meine Freundin und Andi, ein Freund von mir. Doch momentan sah es schlecht aus für unseren Plan: Es war bereits kurz nach acht Uhr und wir hatten gerade erst damit begonnen, unser Essen herunterzuschlingen.
Erst eine Stunde später war es dann endlich so weit: Mit Handtüchern, Musikboxen und einem kleinen Pillenröllchen im Gepäck machten wir uns auf den Weg. Die Sonne war nun natürlich schon eifrig am Untergehen. Nach einem kleinen Spaziergang beschlossen wir, unser Lager zwischen zwei Badestränden aufzuschlagen, an einer Stelle, an der keine Liegen und Schirme standen. Nachdem wir uns niedergelassen hatten, schmissen wir die Pillen ein. Und begannen, zu warten.
Da wir alle sehr viel gegessen hatten, taten wir das sehr lange: Etwa zwei Stunden lang mussten wir uns die Zeit mit Gesprächen über Gott und die Welt totschlagen, bis wir plötzlich alle relativ gleichzeitig eine erste Wirkung verspürten. Die war allerdings mehr eine Nebenwirkung: Uns allen wurde unglaublich schlecht. Irgendwie schien die Droge allerdings auch schon ein bisschen auf unsere Köpfe zu wirken. Denn anstatt zu versuchen, uns durch weitere triviale Gespräche gegenseitig von unserem Brechreiz abzulenken, taten wir das genaue Gegenteil: In hoher Lautstärke begannen wir, im Kanon quer über den Strand zu plärren wie sehr wir uns doch übergeben müssten und wie ekelhaft unser Körpergefühl doch sei. Nach etwa zehn Minuten geschah, was geschehen musste: Ich beugte mich nach vorne und entledigte mich geräuschvoll meines Abendessens.
Als ich wieder aufblickte fühlte ich mich so erleichtert wie selten zuvor: Die Freude darüber, dass jegliche Übelkeit von mir abgefallen war, war so groß, dass sie sich schon in eine leichte Euphorie steigerte. Endlich konnte ich mich zurücklehnen und den beiden anderen entspannt dabei zusehen, wie sie mit ihren vollen Mägen zu kämpfen hatten.
Dieses für mich ausgesprochen amüsante Spektakel nahm meine volle Aufmerksamkeit in Anspruch, und so merkte ich gar nicht, wie die Wirkung der Droge langsam anflutete und sich steigerte. Nach einiger Zeit hatten sich die beiden allerdings beruhigt. Plötzlich war es ganz still. Und ich erlebte etwas, was ich noch nie mit einem 2C-X erlebt hatte.
Denn während andere regelrechte Entertainment-Programme starten, um die Wartezeit zur Entfaltung der vollen Wirkung zu überbrücken mag ich es eigentlich lieber, das Draufkommen ganz bewusst als langsam schneller werdenden Prozess zu erleben. Deshalb war ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nie von farbenfrohen Pseudohalluzinationen förmlich überfallen worden.
Ich kann mich noch genau an diesen nahezu unbeschreiblichen Moment erinnern. Ganz leise tönte aus unseren Boxen ein unglaublich wundervolles Dubstep-Lied. Perfekt dazu passend formte mein Gehirn die wohl schönsten, beeindruckendsten Optics, die ich je gesehen habe. Dabei waren es weniger die Optics selbst, die mich vor Ehrfurcht erstarren ließen, sondern mehr ihre Projektionsfläche: Denn was da mit all diesen farbenfrohen Formen, Gestalten und unleserlichen Schriftzügen ausgefüllt wurde war nichts geringeres als das Antlitz des Universums.
Diesen einen Augenblick, diesen mächtigen, kraftvollen Anblick habe ich für alle Zeiten in meiner Erinnerung gespeichert: Es war, als ob mich alle Schönheit, die zu erträumen ich fähig war, auf ein mal ergreifen würde. Und ich sah die Magie dieses Momentes nicht nur, ich fühlte sie nicht nur, nein, ich schmeckte, roch und hörte sie auch: Die pure Schönheit dieses mit allen Facetten meiner naiven Fantasie erfüllten Nachthimmels durchdrang, nein, durchtränkte alle meine Sinne. Erst nach ein paar Minuten bemerkte ich die Freudentränen, mit denen ich diesen schönsten Moment meines bisherigen Lebens gewürdigt hatte.
Auch Andi zeigte sich anscheinend schwer beeindruckt von dem einzigartigen Ausblick, den er genießen konnte, auch wenn er das etwas gesetzter zum Ausdruck brachte: "Woah... Das is ja pervers!" war sein pragmatischer Kommentar, der mich jäh aus meiner verträumten Stimmung riss und uns allen einen heftigen Lachflash bescherte.
Wir legten uns auf unsere Handtücher und genossen einige Stunden lang die atemberaubende Welt, deren Teil wir sein durften. Irgendwann hatten wir uns allerdings an die veränderten Umstände gewohnt, und so verbrachten wir die meiste Zeit des Trips damit, uns in einer Tour gegenseitig zum Lachen zu bringen. Dabei schwankte unser Humor irgendwo zwischen unreif, schwarz und nüchtern nicht mehr nachvollziehbar. Die Atmosphäre, die sich in den Optics am Meer und am Himmel in all ihren Nuancen wiederspiegelte, machte mich glücklich: Wir waren wie alberne, unbeschwerte Kinder, die für den Moment lebten und jede Sekunde in vollen Zügen genossen.
Trotz allem wäre uns wohl auf Dauer langweilig geworden: Denn irgendwann verliert auch ein so perfektes Setting seinen Reiz. Doch dann kam eine plötzliche Abwechslung, wie sie seltsamer nicht hätte sein können.
Um vier Uhr morgens erwartet man an einem Strand in Rimini höchstens die eingangs erwähnten zwei Dinge: Betrunkene und Verliebte. Vielleicht erscheinen manchen auch Mafiosi noch plausibel. Aber dass plötzlich wie aus dem nichts nicht weniger als vier Bagger über den Sand brettern sollte selbst nüchternen Menschen etwas absurd vorkommen.
Das plötzliche Erscheinen der seltsamen Gefährte brachte uns dazu, uns vor Lachen buchstäblich zu kugeln. Das wurde nicht viel besser, als wir sahen, was sie taten: Sie hoben die oberste Schicht des schmutzigen Sandes ab und verteilten sauberen. Eigentlich eine vollkommen plausible Tätigkeit. Doch uns kam sie unendlich komisch vor: Andauernd fielen uns neue Gründe ein, uns über diesen Anblick halb totzulachen.
Irgendwann begann die Bedeutung der Optics, sich zu verändern: Die Formen und Farben passten sich plötzlich nicht mehr nur der Stimmung, sondern auch den Gesprächsthemen an. Wenn bestimmte Signalwörter fielen, sah ich ihr bildliches Äquivalent so lange in den Strudel der Halluzinationen integriert, bis das nächste Signalwort fiel. Das war zwar bei manchen Wörtern schon ziemlich lustig, aber auf Dauer sehr fordernd, zumal Andi, nachdem ich ihm von diesem Mechanismus berichtet hatte, alles daran setzte, ihn möglichst humorvoll zu manipulieren. So entfernte ich mich kurz von den anderen, auch, weil ich ein menschliches Rühren fühlte.
Doch das erwies sich als eine ganz schlechte Idee: Plötzlich nahmen die kryptischen Schriftzüge, die ich überall sah, ziemlich präzise Gestalt an und formten sich zu Wörtern, die "DEATH", "SORROW" oder auch "EXITUS" ähnelten. Aus den Stellen, die gerade eben noch von lustigen, schlagwortspezifischen Bildchen gefüllt gewesen waren starrten mich abstoßende Fratzen an. Ich beeilte mich mit dem Wasserlassen. Als ich mich gerade wieder umdrehen wollte, um schnell zu den anderen zurückzugehen vernahmen meine Ohren plötzlich Schreie, die mich entfernt an eine Stelle aus Achim Reichels "Die Grüne Reise" erinnerten. Ich wandte langsam den Kopf, vom Meer weg zum Sand hin. Was ich sah war äußerst schaurig.
Der Sand hatte, so weit ich blicken konnte, die Form von dem Gesicht aus Edvard Munchs "Der Schrei" angenommen: Die Schatten, die man immer zwischen den kleinen Erhebungen auf Sandstränden sehen kann, waren die leeren Augen der Frau. Es sah so unglaublich real aus, als ob wirklich jemand in dem kurzen Moment, in dem ich auf das Meer geschaut hatte, den gesamten Sand so präpariert hatte. Obwohl ich das sehr faszinierend fand änderte sich nichts an meinem Bedürfnis, so schnell wie möglich zu den anderen zurückzukehren. Kaum war ich wieder bei ihnen erfüllte sich meine Welt wieder mit Wärme, die ich bis zum Horizont sehen konnte. Sie erschien mir plötzlich noch viel angenehmer und erfüllender.
Wir verbrachten noch einige Zeit mit unseren geselligen Konversationen, und nach und nach wurden die Optics bei mir und Andi schwächer. Irgendwann sah nur noch meine Freundin das bunte Wunderland, in dem wir in dieser Nacht gelebt hatten. Um den Trip angemessen ausklingen zu lassen, beschlossen wir, kurz beim Campingplatz einen Joint zu holen und uns diesen bei Sonnenaufgang zu Gemüte zu führen.
Wieso genau es fast Stunde dauerte, bis wir wieder am Strand standen, weiß ich auch nicht. Nüchtern hätte die ganze Prozedur vielleicht zwanzig Minuten in Anspruch genommen. Doch 2C-B scheint wohl doch mehr auf den Kopf einzugreifen als man denkt.
Allerdings kamen wir im perfekten Moment zurück: Es blieb uns gerade genug Zeit, um uns auf eine Liege am Badestrand zu setzen, den Dübel anzuzünden und uns zurückzulehnen, als die Sonne schon begann, sich am Horizont zu erheben.
Das Gras verstärkte die nun kaum mehr präsente Wirkung des 2C-B ungemein: Von der Sonne schien plötzlich eine unglaublich mächtige Aura auszugehen, die sich einerseits in schallwellenartigen Kreisen äußerte. Andererseits spürte ich sie aber auch, auf eine Art und Weise, die ich leider nicht wirklich beschreiben kann. Das war allerdings nur ein letztes Aufbäumen der Droge: Als wir uns auf den Rückweg zum Campingplatz machten, fühlte ich mich zwar mitgenommen und müde, aber ziemlich nüchtern.
Doch auch nüchtern war das, was ich da sah einfach atemberaubend schön: Rechts von uns stieg die Sonne einen blauen Himmel empor, der nur von einer handvoll winzigen Wolken verziert wurde. Links von uns reflektierte an eben jenem Himmel der weiße Mond ihr goldenes Licht. Dieser makellose Anblick rundete das perfekte Erlebnis der letzten Stunden mehr als würdevoll ab.
Zum Schluss, quasi als Fazit, möchte ich vielleicht noch erklären, was diese Nacht für mich bedeutet hat.
Ich bin überzeugt davon, dass unser Geist nur durch vielseitige Erfahrung wachsen kann: Wer seine Gedanken nur auf einzelne Bereiche richtet, der wird stumpf für alle anderen. Natürlich ist es wichtig, weltliches Wissen zu sammeln, das ja ein elementares Werkzeug zum Lösen weltlicher Probleme ist. Doch geistiges Wachstum (übrigens für mich ein absolut unesoterischer Begriff), das uns zu Erfüllung und Zufriedenheit führen soll, verlangt auch nach verträumten, abgehobenen Erfahrungen. Dieser Trip war für mich der Inbegriff einer solchen.
Für meine Freundin war er gegen Ende hin allerdings nicht ganz so erfreulich: Bei ihr wirken Halluzinogene ungewöhnlich lange und so durchlebte sie in unserem Zelt, während ich friedlich wie ein Stein schlief, noch eine mehrstündige Horrorsequenz, die ihr den Appetit auf psychedelische Drogen fürs erste verdorben hat. Doch auch das Negative kann uns zu Einsicht führen: Wer zu wenig Schlechtes erfahren hat, der verliert den Respekt vor dem Guten. Wer andererseits zu wenig Gutes erfahren hat, hat im Schlechten nichts, von dem er Hoffnung schöpfen kann.
Dieser Trip wird mich wohl niemals loslassen, auch wenn er längst vergangen ist. Leben können wir ohnehin nur den unmittelbaren Augenblick. Alles danach ist ungewiss, und alles davor ist Geschichte. Als würden wir mit unserem Leben ein Buch schreiben. Das Kapitel, in dem ich in jener Nacht an Riminis Küste das Wunderland am Horizont entdeckte ist wohl das schönste in meinem.