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Tripbericht lesen

Übersicht:

Titel:Berg- und Talfahrt - 400 µg LSD
Drogen:LSD
Autor:Kraeuterhexe
Datum:11.09.2018 21:28
Set:Aufgeregt, neugierig, voll positiver Erwartung
Setting:In meinem Bauernhaus am Land
Nützlichkeit:9,94 von 10 möglichen   (17 Stimmen abgegeben)

Bericht:

Vorweg: Niemand soll sich durch diesen Bericht dazu animiert fühlen, Ähnliches selbst auszuprobieren! Die Dosis ist sehr hoch und das Setting nicht für jeden Persönlichkeitstyp geeignet. Ohne entsprechende Vorerfahrung und psychische Stabilität ist dieses Setting mit Risiken für die psychische Gesundheit verbunden.

Wer direkt zum Trip will, kann den kursiven Textteil auslassen.

Nachdem weitere Abenteuer im Floating-Tank leider in absehbarer Zeit nicht möglich sind, da der Besitzer des Tanks sich anderen Interessen zugewandt hat, haben Jonas, Svenja und ich uns eine neue Herausforderung für den heutigen Abend ausgedacht:

Ich will ein Einnahmeschema nach J.C.Lilly et al. nachvollziehen, das „Schema der geteilten Dosis“: Zu Beginn 150 µg LSD, nach einer Stunde weitere 250 µg, also insgesamt 400 µg. Für eine Maus wie mich eine recht ordentliche Dosis. Ich wiege 58 kg, also sind das rund 8 µg pro kg Körpergewicht. (Zum Vergleich: Mein Tripsitter Jonas ist 1.92 m groß und wiegt 90 kg. Bei ihm wären das immerhin schon 720 µg.) Meine Freundin Svenja ist etwa meine Gewichtsklasse und nimmt heute insgesamt 300 µg.

Hinter diesem Schema steht für mich keine spezielle Fragestellung, sondern einfach nur Neugier.

Wir verwenden heute ein alkoholisches Liquid, das laut Jonas sehr gut dosierbar ist. Dieses mischen wir mit Granatapfelsaft. Mein Herz klopft bis zum Hals. Werde ich diese bisher höchste Dosis LSD gut vertragen? Wie wird es Svenja ergehen, für die ihre 300 µg ebenfalls die bisher größte Dosis sind. Ich stoße mit Svenja und Jonas an. Jonas ist heute unser Tripsitter und bleibt nüchtern.


In der ersten Stunde vertreiben Svenja und ich uns die Zeit damit, in Decken gehüllt auf der mit Dutzenden Laternen beleuchteten Veranda zu sitzen und den nächtlichen Regen zu belauschen, der schon seit Stunden fällt und den Bach vor meinem Haus zum Anschwellen gebracht hat. Die Tropfen, die von der Dachkante herunterfallen, singen ein Lied von den kommenden Stunden, die wir noch erleben werden. Jonas bereitet inzwischen ein Essen für später zu. Ob Svenja und ich heute aber tatsächlich etwas zu uns nehmen können, steht derzeit noch in den Sternen.

Nach etwa einer dreiviertel Stunde steigt mir die Droge in den Kopf. Wärme breitet sich in mir aus und ich muss wieder einmal kichern, wie so oft zu Wirkungsbeginn. Keine Ahnung, warum das so ist. Ich finde dann einfach die ganze Situation unglaublich komisch und nicht ganz real, wie in einer Filmkomödie. Hinter meinen Augen flimmert es, so als ob hier der Vorspann für den kommenden Film abläuft.

Svenja lässt sich von mir anstecken, und so sitzen wir die nächste halbe Stunde nebeneinander auf der Veranda wie zwei kichernde Araweibchen, die auf das Ende des Regens warten. Aras deshalb, weil wir beide heute bunte, lange Hippiekleider aus meiner Klamottenkiste tragen. Svenjas knallig orangerot gefärbtes Haar raucht plötzlich.

Hey, sage ich, dein Haar raucht. Ist das normal?

Klar, antwortet sie.

Wieder doofes Gekicher. Jonas guckt kurz zur Tür raus und muss ebenfalls schmunzeln. Mit ihrer orangeroten Mähne sieht Svenja heute aus wie Milla Jovovic in „Das fünfte Element“. Na ja, fast…

Dann wird mir plötzlich etwas übel. Alle paar Trips habe ich mal so eine Phase. Ich weiß aber, dass sie erfahrungsgemäß nicht allzu lange dauern wird und bin froh, dass ich gewohnheitsmäßig gut vorbereitet und mit leerem Magen in den Trip gehe. Schon bald geht es mir auch wieder gut und darüber hinaus sogar prächtig. Eine Euphoriewelle schwappt über mir zusammen. Ich blicke etwas kokett zu Svenja, die, als könnte sie Gedanken lesen, die Decke von sich runter gleiten lässt, mir die Hände reicht und mich schließlich umarmt. Svenja weiß, was ich brauche. Ich liebe sie. Ihre Körperwärme durchdringt meine Brust. Ihr feiner blütenartiger Duft holt mich noch näher an sie heran. Ich habe im Moment das Gefühl, mit ihr in einer tiefen spirituellen Verbindung zu stehen, die für mich zusätzlich eine stark erotische Komponente hat. Unsere Auren haben die gleichen Farben angenommen: leuchtendes Orangerot, so wie Svenjas rauchendes Haar! Wir lösen uns wieder voneinander. Ich spiele mit meinen Händen, die ich elegant in der Luft herumführe, wie eine balinesische Legong-Tänzerin, und beobachte dabei die roten und blauen Jetstreams, die meine Hände in der Luft nach sich ziehen. Irgendwie fühlt sich die ganze Welt verzaubert an. Alles unterliegt einer wunderschönen Magie, einer zauberhaften Atmosphäre. Ich bin unendlich dankbar, dass ich so etwas erleben darf.

Jonas erinnert uns, dass es nun an der Zeit wäre, die zweite Dosis einzunehmen.

Noch könnte ich mich zurückziehen und einfach den im Moment so angenehmen Trip genießen. Ich bin nahe dran. Dann könnte ich auch ein paar Gläschen Sekt trinken, was ich jetzt sehr gerne täte. Aber wir wollten doch heute eine besondere Herausforderung, die an unsere Grenzen führt.

Also runter damit! Auch Svenja schluckt tapfer ihre zweite Dosis.

Gerne hätte ich mich nochmals an Svenjas raubkatzenartigen Körper geschmiegt, die Augen geschlossen und ihren Duft genossen, aber sie ist inzwischen verschwunden und wahrscheinlich vor dem Haus, um für eine Weile alleine zu sein.

Die zusätzlichen 250 µg steigen mir viel zu schnell (nach gefühlt ca. 25 Minuten) in den Kopf. Ich werde ziemlich schwindelig und habe ein paar Sekunden lang ein panikartiges Gefühl. Wird sich das noch mehr steigern? Der Drehschwindel ist keineswegs harmlos. Aufstehen und die paar Meter zum Fauteuil hinüber zu gehen fällt mir plötzlich schwer. Der Fauteuil scheint zudem sehr weit weg zu sein. Natürlich weiß ich, dass dies eine Wirkung der Droge ist. Trotzdem habe ich Angst, mein Ziel nicht erreichen zu können, weil ich dafür quälend lang unterwegs wäre.

Jonas bemerkt mein Problem. Er stützt mich und führt mich zu meinem Platz. Alles OK? fragt er. Ich nicke. Meine Gedanken aber gehen in eine andere Richtung. Ob ich das jetzt schaffe? Ich lasse mich in den Polstersessel fallen, als wäre ich ein Sack voll Zement. Zugleich fühle ich mich merkwürdig klein. Dieser Fauteuil ist wirklich riesig. Diese monströsen gepolsterten Handlehnen. Ich habe mir dieses Ding erst vor ein paar Tagen gemeinsam mit einer ebenso voluminösen Couch gekauft und war bisher sehr zufrieden damit. Jetzt aber ist der Fauteuil merkwürdig groß, hart und unbequem.

Ich sitze also in diesem blauen Riesending und versuche, mich zu fassen, was schließlich, mit ein bisschen Ruhe, auch gelingt. Jonas sitzt neben mir auf der Sessellehne und hält meine Hand. Ich fühle mich geborgen.

Händchenhalten ist doch sooo schön!

Ich bedaure zwar, dass ich den anfänglichen euphorischen Zustand nicht halten konnte, merke aber, dass meine Stimmung wieder rapide in die Höhe steigt. Wird diese Charakteristik den heutigen Trip bestimmen? Einmal hoch, einmal tief und so weiter?

Während die ersten Klänge der sehr unkonventionellen Chormusik Lux Aeterna von György Ligeti aus den Lautsprechern ertönen, spüre ich, wie die Droge nun mit ungeheurem Druck in mein Bewusstsein einbricht. Sofort stellen sich extrem intensive CEV’s ein. Ich sage Alexa, meiner elektronischen Hausassistentin, dass sie das Licht im Zimmer auf Null herunter dimmen soll. Es wird finster. Silbern-metallische, hochglänzende nadelartige Gebilde generieren in ungeheuren Massen vor meinen geschlossenen Augen und bauen sich zu riesigen Haufen auf. Ich habe das Gefühl, dass ich durch meine geschlossenen Augenlider hindurch schauen kann. Die Nadeln müssen Abertausende sein. Nein, das ist doch gar nicht möglich, dass mein Gehirn so ungeheuer komplexe hochdefinierte, dreidimensionale Cluster von diesen nadelartigen Gebilden herstellen kann. Kein Gehirn kann das, denke ich. Die Nadeln bewegen sich, reflektieren eine imaginäre Lichtquelle, die sich theoretisch hinter meinem Kopf befinden müsste. Praktisch ist es aber um mich herum finster. Es wirkt, als habe jede einzelne der Abertausenden von Nadeln die Lichtreflexionen an genau der richtigen Stelle. Wo in meinem Kopf wird so etwas berechnet? Warum entwirft das menschliche Gehirn so hochkomplexe Bilder? Ich versuche, eines der Nadelgebilde zu fixieren, was jedoch misslingt. Mich auf ein Detail zu konzentrieren ist ungeheuer anstrengend. Ich öffne die Augen und blicke in die Dunkelheit des Raumes. Die Bilder werden irgendwie blasser und weniger tiefenscharf. Ich schließe also wieder die Augen. Sofort werden die Visionen wieder deutlicher. Noch immer drängen, wie aus einem Füllhorn aufsteigend, weitere Nadeln nach, bis endlich die Musik mit diesen Gebilden zu interagieren beginnt. Die Chorstimmen sind stark schwebend und plötzlich erregen sie Interferenzmuster in den Nadelhaufen. Kreisrunde Wellen bauen sich auf, ähnlich den Wellen, die sich bilden, wenn man Steine ins Wasser wirft. Diese Wellenkreise überlagern sich, formen bizarre Texturen, die nun Ähnlichkeit haben mit einem Nicht-Newtonschen Fluid. Die Nadelstrukturen schmelzen und zergehen in einer gel-artigen, opaleszierenden Masse, welche die Schwingungen dieser Musik in sich abbildet. Merkwürdige Figuren und Fratzen steigen aus dem Fluid auf, tanzen zur Musik, die eigentlich keinen Rhythmus hat, fallen in sich zusammen und zergehen wieder.

Ich denke plötzlich an den Film Odyssee 2001 von Stanley Kubrick, wo diese Musik auch zu hören ist. Nun bildet sich in der Dunkelheit auch ein beinahe schwarzer Monolith, wie er in diesem Film zu sehen ist. Bald tauchen weitere Monolithen auf, die im Finstern kaum sichtbar, aber umso deutlicher spürbar sind. Noch immer drängt das LSD weiter in mein Bewusstsein und dehnt es aus. Der dunkle Raum, in dem ich hier sitze und diese seltsame Musik höre, wirkt wie ein eigener Kosmos. Jede Ecke des Raumes stellt einen Fluchtpunkt in der Unendlichkeit dar. Nun ist der Raum leer und finster, die Nadeln, das Fluid und die Monolithen sind verschwunden. Aber dennoch ist er voller Präsenz und Bedeutung. Die Fluchtpunkte entfernen sich weiter und weiter und ziehen und rütteln am Raum. Ich fühle mich klein wie eine Mikrobe. Das Musikstück ist längst beendet. Ich habe keine Lust, es nochmals zu hören, bestaune stattdessen das Atmen des Raumes, das mit der Frequenz meines eigenen Atems synchron ist. Nun wird es immer heftiger. Die ungeheure, schwindelerregende Tiefenpräsenz des Raumes, dessen nicht enden wollende Ausdehnung und meine eigene mikrobenartige Kleinheit überfordern mich mehr und mehr. Ich fühle mich zusehends verwirrter. Jonas, rufe ich, mach bitte etwas Licht. Sofort taucht Jonas aus dem Nebenzimmer auf und sagt Richtung Echo Spot zu Alexa, dass sie das Licht etwas hochdimmen soll. Das hätte ich eigentlich auch selbst tun können. Es ist mir aber nicht in den Sinn gekommen.

Das Zimmer wirkt nun höchst merkwürdig und ist schon bald in seiner schroffen Fremdheit kaum mehr für mich auszuhalten.

Aber bitte, hier lebe ich doch!

Das macht mir jetzt Angst, denn ich empfinde diesen Raum im Moment als Fremdkörper. Als säße ich in einem fremden Uterus. Meine Geburt steht bevor. Aber der Geburtskanal ist verschlossen. Schon spüre ich die Enge. Der Raum hat seine Bewegungen invertiert und die Fluchtpunkte kommen nun rasend schnell auf mich zu.

Angst!

Komm runter, du weißt, dass dies ein Drogenrausch ist, denke ich! Sollte Jonas eine andere Musik spielen, um mich davon abzulenken? Aber auch Jonas wirkt jetzt fremd und kalt auf mich, so dass ich mich fast ein wenig fürchte vor ihm. Ich könnte aber gar nicht sagen, was sich an ihm verändert hätte. Nach wie vor ist er der große, hübsche Kerl, mit dem ich gemeinsam zur Uni ging. Sein schulterlanges dunkles Haar und sein Fünftagebart, alles beim Alten, aber doch vollkommen fremd. Als dann auch Svenja ins Zimmer kommt, erschrecke ich zutiefst. Svenja sieht aus wie eine Donauleiche. Ihre Gesichtsfarbe hat die unnatürliche, teigige und blass-geäderte Tönung, die man bekommt, wenn man von schroffweißen Neonröhren angestrahlt wird. Auch ihr Haar ist jetzt nicht mehr orangerot, sondern eher steingrau. Ich fühle mich wie in einem Horrorvideo von Marilyn Manson. Jeder Schatten gräbt sich gnadenlos tief in ihr ansonsten so hübsches Gesicht. Ich bin maßlos enttäuscht. Was hast du? fragt sie. Ach nichts, sage ich, und spekuliere mit Grauen, wie ich wohl selbst aussehen würde, wenn ich jetzt in den Spiegel blickte.

Soll ich? fragt Jonas und deutet auf die nächste CD. Ich nicke. Aber lass das Licht an. Irgendwie mag ich jetzt nicht mit Alexa quatschen, antworte ich. Im nächsten Moment schaltet sich auch schon Alexa ein („Alexa“ ist ihr Codewort zur Aktivierung) und sagt vom nahen Echo Spot aus, dass sie nicht verstehen konnte, was ich eben von ihr wollte. Alexa, halt die Klappe! sage ich. Beleidigt zieht sich Alexa zurück.

Mit etwas Respekt schließe ich die Augen und hoffe, dass sich nicht sofort ein anstrengender Film vor mir aufbaut, sondern lieber entspannende ruhige Bilder, vorbeiziehende Wolken zum Beispiel. Meine Hoffnung wird enttäuscht, aber auf eine nicht so unangenehme Art wie befürchtet.

Ich bin ehrlich gesagt froh, dass die nun folgende Musik etwas bodenständiger ist als die erste Nummer von György Ligeti. Ich kenne „ Riverside “ von About Wayne und ein dazu produziertes Video von R.S.Tagliafierro, eine Art Gegenüberstellung von Stillleben und weiblichem Torso. Schöne ästhetische Bilder, von denen ich jetzt annehme, dass sie gleich vor meiner geistigen Bühne auftauchen werden. Verrückterweise tauchen aber Bilder und Fantasien aus einem anderen Video von Tagliafierro auf, das hier zu sehen ist. Außer dem selben Regisseur gibt es keinerlei Zusammenhänge. Ich sehe zwei kleine Mädchen in schönen rosa und weißen Spitzenkleidern, nebeneinander sitzend, wahrscheinlich Geschwister. Dann aber verliert sich meine Fantasie in den Tüllstoffen ihrer Kleider und den dazu gehörigen Texturen, und schon bin ich in einem Universum aus weißen, glänzenden Geweben von ungeheuerlicher Tiefenpräsenz. Die Bilder wollen so gar nicht zu der sentimentalen Musik von About Wayne passen.

Ich fühle mich als Mittelpunkt dieser Tüllstrukturen, die ich jetzt auch mit offenen Augen überall vorfinde: an der Wand, am Boden, an meinem Fauteuil und der Couch. Wie im Arbeitszimmer einer Modedesignerin. Gerne würde ich jetzt mit diesen Stoffen spielen, sie um meinen Körper wickeln und dabei neue Kleider in einem neobarocken Stil entwerfen. Während ich im Geiste diese Stoffen liebkose und an mich schmiege, singt der Sänger mit melancholischer Stimme seinen Song zuende. Mein Zustand ist wieder stabil und angenehm. Offenbar könnte man den heutigen Trip tatsächlich mit „Berg- und Talfahrt“ betiteln.

Trotzdem ich mich jetzt wieder sehr wohl fühle, bitte ich Jonas, den Player für eine Weile abzuschalten. Ich gehe mit noch immer etwas wackligen Beinen hinüber zur Couch, wo die wunderschöne Svenja auf mich wartet.

Tut sie das wirklich? Wartet sie wirklich auf mich?

Wie auch immer, ich schmiege mich an sie, was sie willig gestattet. Liebe fließt, als wäre es das Normalste der Welt. Ich komme auf die verrückte Idee, aus diesem Trip noch einen Candyflip zu machen, weil’s gerade so gut passen würde. MDMA wäre im Haus. Als ich Jonas davon eine Andeutung mache, fragt mich der, ob ich mir irgendwo den Kopf angeschlagen hätte. Du bist auf 400 Mikro LSD, das reicht!

(Im Nachhinein zeigt sich wieder, wie wichtig in solch einem Setting ein guter Tripsitter ist. Wenn der Tripsitter Einwände hat, ist das für uns Gesetz. Es geht schließlich um unsere Gesundheit.)

Ich ertappe mich nun auch dabei, dass es mir eigentlich nur darum ging, Svenja zu verführen. Wie böse und egoistisch von mir! Svenja hat weniger Erfahrung als ich, und sie verträgt auch nicht so viel. Vielleicht hätte ich sie gleich mit Liquid Ecstasy betäuben wollen. Was bin ich für eine selbstsüchtige Bitch! Während ich versuche, diese innere Selbstgeißelung wieder zu beenden, fragt Jonas, wie es mit Essen stehe. Svenja schüttelt nur den Kopf, und auch ich könnte im Augenblick sicher nichts runter bekommen. Die Frage war aber wahrscheinlich eher aus Höflichkeit gestellt. In Wahrheit besagte sie nur, dass Jonas jetzt Hunger habe und eben alleine das köstliche Gericht aus Entenbrust mit Rotkraut und Kroketten verzehren würde. Soll er!

Stattdessen zerfließen Svenja und ich jetzt aneinander. Ich sehe in ihre Augen. Ihre Pupillen sind groß wie Hosenknöpfe. Als ich jedoch mit meinem Gesicht noch näher rücke, weicht sie ein Stück mit dem Kopf zurück. Nichts mit Küssen, denke ich. Ich weiß ja, dass Svenja eigentlich hetero ist. Also belasse ich es bei dieser mehr als zaghaften Annäherung und versuche, mich emotional wieder ein Stück von ihr zu entfernen, um nicht eine Situation heraufzubeschwören, die danach langer und vielleicht auch peinlicher Erklärungen bedürfte. Ich muss sie loslassen, um sie nicht zu verlieren.

Svenja tut so, als wüsste sie von alledem nichts. Sie müsste doch schon längst wissen, wie es um mich steht. Aber sie weiß offenbar auch, dass ich hier bewusst keine Grenzen verletzen will, wenn sie es nicht zulässt. Ich tue das, um unsere Freundschaft nicht zu gefährden. Auf dieser Ebene bewegt sich unsere Beziehung. Obwohl sie meine BFF ist, gibt es ein unausgesprochenes Wissen, das wir beide in uns tragen, worüber wir jedoch nie reden würden.

Ich stehe auf und wanke zur Haustür. Draußen ist es kühl. Der Regen hat aber immerhin endlich aufgehört. Vereinzelt vom Dachrand herabfallende Tropfen begleiten mit ihrer perkussiven marimba-artigen Musik diese Episode unseres Acidtrips. Ich lasse mich in den Rattan-Schaukelstuhl fallen. Der ganze vernebelte Streuobstgarten vor meiner Veranda ist voller lebendiger Präsenz. Alles atmet, alles lebt, die Bäume, die Gräser, das duftende Fallobst, die Grillen. Ich spüre die magische feuchte Luft auf meinen nackten Unterarmen, spüre, wie sich die feinen Tröpfchen in den Härchen ansammeln, bis meine Arme und auch mein Gesicht feucht sind.

Da, plötzlich besucht mich Perla, die dreifärbige Katze des Nachbarn, die gerne mal auf ein paar Streicheleinheiten und einen leckeren Imbiss bei mir vorbeischaut. Sie streicht um meine Beine, reibt ihr Köpfchen an meiner Strumpfhose und springt mir schließlich auf den Schoß. Ihre Füße sind pitschnass. Speichel tropft aus dem Mäulchen des kleinen Katzenweibchens. Sie sabbert meistens, wenn sie mit mir schmust. Ich mag das Sabbern zwar nicht besonders, lasse es aber geschehen, weil ich die kleine Perla nicht vor den Kopf stoßen möchte. Perla inspiriert mich dazu, an die Grinsekatze in Alice im Wunderland zu denken. Ich finde es ungeheuer leicht, mich im Moment mit Alice zu identifizieren. Sogar mein verspieltes Kleid könnte als „aliceartig“ durchgehen.

Was will mir die Grinsekatze wohl sagen, außer dass sie mich mit ihrem Speichel volltropft. Ich habe Hunger, ist die banale Antwort! Ich bin etwas enttäuscht. Ist das alles, was mir meine Projektionen jetzt mitteilen wollen? Ich habe Hunger? Na gut, sage ich. Komm mit. Die Grinsekatze trappelt gurrend und mit hoch erhobenem Schwanz hinter mir her. Sie kennt den Weg zur Küche nur zu gut. In der Küche sitzt Jonas, der gerade seinen Teller leert. Ich schnappe mir ein kleines Stück von der gebratenen Entenbrust aus dem Backofen, schneide das Fleisch in für die Grinsekatze mundgerechte Happen und stelle den Teller damit auf den Küchenboden.

Du musst dir eine andere Freundin suchen, sagt die Grinsekatze, während sie sich über das Entengericht hermacht und es schmatzend verzehrt.

Du musst dir eine andere Freundin suchen! Schmatz, schmatz, schmatz.

Dabei gibt sich die Stimme nicht einmal die Mühe, „katzenartig“ zu klingen. Es ist eigentlich meine eigene Stimme, die ich da höre – vermute ich mal.

Grinsekatze aka Perla verlässt die Küche grußlos, als sie alles aufgefressen hat, und macht sich davon, zu ihrem nächtlichen Streifzug in der Umgebung. Undank ist der Katzen Lohn. So sind Katzen eben. Man kann aber sehr genau erkennen, warum sie einen lieben. Gute Umgangssitten jedenfalls sind das ihre nicht.

Du musst dir eine andere Freundin suchen, ertönt es als Echo in mir.

Ich blicke vom Vorhaus ins Wohnzimmer, wo ich Svenja auf der Couch sehe. Ist sie meine „große Liebe“? Ich empfinde diesen Ausdruck immer als irgendwie lächerlich. Wieso fällt mir dann jetzt solch ein Unsinn ein? Ach ja, ich komme, wie so oft, jetzt in die „Nachdenkphase“, die manchmal auch einen schönen Trip ziemlich abwürgen kann. Andererseits habe ich in solchen Phasen auch schon so manche wichtige Botschaften erhalten, die mein Leben veränderten. Und im Grunde hat die Grinsekatze recht: Svenja gilt zwar meine Liebe, aber ein Paar werden wir nie. Schon mehrmals habe ich ähnliche Botschaften erhalten, doch fällt es mir sehr schwer, sie endlich zu akzeptieren. Nachdem ich während eines DMT-Erlebnisses gelernt habe zu akzeptieren, dass ich sexuell eindeutig Frauen bevorzuge, habe ich noch nicht gelernt, mich emotional von Svenja so weit zu lösen, dass ich andere Frauen, mit gleicher sexueller Ausrichtung wie ich, kennenlernen kann. Es war so einfach, mit Männern zu flirten und sie zu verführen, zugleich aber auch fühlte es sich immer irgendwie falsch an.

Wie verdreht das doch alles ist!

Du fürchtest dich vor dem letzten Schritt, höre ich die Grinsekatze in mir jetzt sagen. Der letzte Schritt, verstehst du? Der point of no return!

Ja, der point of no return…

Im Moment bist du im Niemandsland, sagt die Grinsekatze weiter. Im Niemandsland, hörst du? Mach doch den letzten Schritt, dann ist es getan! Svenja ist deine Rechtfertigung, die Sache nicht zuende zu bringen, an ihr bleibst du hängen, weil du weißt, dass es bei ihr eindeutige Grenzen gibt.

Phu! Das ist aber jetzt schon sehr direkt!

Aber nichts daran ist offenbar falsch. Ich kann selbst deutlich spüren, wie ich mich innerlich an sie klammere, wie sie zu meinem Werkzeug wird und wie verlogen meine ganze Beziehung zu ihr eigentlich ist. Ganz im Gegensatz zu ihrer Beziehung zu mir. Außer diesem offenen Geheimnis, das zwischen uns schwebt, zeigt sie mir deutlich, wo ihre Präferenzen liegen.

Vielen Dank, Grinsekatze, da hab ich mal wieder was zu kauen! (Na super…)

Ich bleibe noch eine Weile auf der Veranda und versuche erneut in die schönen Bilder einzutauchen, die dieser Trip für mich bereitgehalten hat. Zu langes Nachdenken vertreibt bei mir die schönsten Bilder. Jonas tritt vor die Tür, streckt sich und atmet tief durch, als habe er den Bauch voll Entenfleisch, was wahrscheinlich auch der Fall ist. Er setzt sich neben mich auf einen der Schaukelstühle und reicht mir seine Hand. Wir sitzen wie ein altes Ehepaar nebeneinander und schweigen. In der Dunkelheit vor mir haben sich Glühwürmchen formiert, die es um diese Jahreszeit gar nicht geben kann. Sie durchschwirren den dunklen Raum in den verschiedensten Farben. Ich muss an eine meiner Freundinnen denken, die ich manchmal Glühwürmchen nenne.

Hallo Glühwürmchen!

Die kleinen leuchtenden Käferchen führen einen Tanz vor mir auf und erfreuen mich mit ihrer Vielfarbigkeit, ehe sie verschwinden und einer tiefen Ruhe Platz machen. Eine Ruhe, die beinahe körperlich präsent ist, die Substanz hat. Man könnte sich sozusagen ein Stück davon rausschneiden, wie aus einem Kuchen, und mitnehmen für später, wenn es mal wieder stressig wird. Jonas und ich halten uns noch immer an den Händen. Warum kann ich mich nicht in jemand wie Jonas verlieben? Gut, er ist schwul, aber doch ein Mann. Und was für einer! Er ist wirklich gut aussehend, mit seinem Fünftagebart und seinen wunderschönen treuen Augen. Er ist sehr groß, sportlich und athletisch gebaut. Ja, er gefällt mir, ich mag ihn sehr. Aber…

Später kehren wir gemeinsam zurück ins Haus und treffen dort Svenja schlafend an. Wie schön sie doch ist. Mit geschlossenen Augen wirkt sie unschuldig wie ein Kind. Ich hole eine Wolldecke und hülle Svenja damit ein. Jonas und ich gehen in die Küche. Ich habe Hunger bekommen, will nun auch ein Stück Ente mit Rotkraut und hoffe, dass Jonas etwas übriggelassen hat. Mittlerweile ist es weit über Mitternacht. Ich sitze vor dem Küchentresen und verzehre mit sehr großem Appetit ein schönes Stück gebratene Ente.

Die Wirkung des Acid ist nach wie vor sehr präsent, aber sie hat sich stabilisiert. Ich spüre, dass sich die Höhen- und Tiefenfahrt ausgependelt hat. Nun ist es eine schöne Reise mit schönen Bildern, aber mit keinen großen Spitzen mehr. So kann ich nun mit großem Vergnügen beobachten, wie durch meine pflaumenblau lackierten Fingernägel bewegliche Smileys leuchten. So als hätte ich unter meinen Nägeln gelb strahlende Leuchtdioden. Die meisten davon blicken freundlich. Ich wage nun auch, ein Glas Sekt zu trinken. Wie gut das jetzt tut. Nachdem sich alles konsolidiert hat, vergönnt sich Jonas nun auch wie immer einen ordentlichen Joint. Ich bedanke mich bei ihm, indem ich ihn umarme. Danke, mein Freund, sage ich. Vielleicht werden wir in einem anderen Leben mal mehr als nur Freunde. Jonas lächelt mich an. Ich glaube aber nicht, dass er mein Gelaber allzu ernst nimmt.

Svenja spricht im Schlaf, aber wir verstehen kein Wort davon. Ich bin übrigens noch nie so früh bei einem Acid-Trip eingeschlafen, wie Svenja eben. Die Nacht verglüht allmählich wie eine liegen gelassene Zigarre. Jonas hat sich neben Svenja auf die große Couch gelegt und schläft schon bald ebenso tief. Ich sehe zwei schlafende Kinder und muss weinen. Wie rührend und zutiefst unschuldig sie nebeneinander liegen. Jonas, der Riese, und die kleine zierliche Svenja. Ich sitze im Fauteuil, sage Alexa, dass sie das Licht herunter dimmen soll und überlasse mich einer langen Serie von schönen Bildern. Ich sehe die nassglänzenden Dächer einer Großstadt bei Nacht und bei Regen, ich sehe Weizenfelder von oben herab, mit komplizierten Kornkreisen, ich sehe das Mutterkorn am Roggen, sehe Stufen und Stiegen, endlos und ineinander verdreht und verschlungen, sehe den Wind, der seine Zeichen in die Gräser endloser Steppen malt, sehe die Sterne, wie sie über uns bis in die Unendlichkeit sich verteilen und ihr Licht zu uns senden, ich sehe unendlich viele Radioteleskope, die versuchen, die elektromagnetischen Wellen solcher Sterne zu erforschen, und ich spüre, wie auch ich nun immer müder werde, müde und erschöpft, aber irgendwie auch glücklich und zutiefst befriedigt. Noch ein letzter Blick auf die beiden Kinder, die vor mir auf der Couch liegen.

Ich liebe sie beide, auf meine ganz persönliche, höchst verrückte Art.

Danke fürs Lesen <3


Nachtrag

Es sind nun schon ein paar Tage seit dem hier beschriebenen Acid-Trip vergangen. Trotzdem fühle ich mich noch immer emotional total offen. Nun hatte ich gestern ein Gespräch mit Svenja. Eigentlich ging es um belanglose Dinge, als mir plötzlich die Augen voller Tränen standen. Da konnte ich nicht mehr länger schweigen und ich gestand ihr, dass ich schon lange in sie verliebt sei. Ich konnte auch nicht mehr verschweigen, dass ich mich selbst in Verdacht habe, Svenja zu benützen, um mich nicht der Herausforderung stellen zu müssen, mir eine weibliche Partnerin zu finden, dass ich unsere Freundschaft und meine dahin köchelnde Verliebtheit zu ihr als Vorwand verwende, um mich nicht dieser wichtigen Zäsur in meinem Leben stellen zu müssen.

Aber Svenja ahnte bereits alles, genau so, wie ich es vermutet und befürchtet hatte. Nur, dass sie dabei kein Problem für unsere mir so teure Freundschaft sieht. Svenja ist eine „Heterofrau“ – und da wird sich wahrscheinlich auch nie viel ändern. Aber sie ist und bleibt meine Freundin! Sie hat meine Tränen aufgefangen, hat mich gehalten, bis ich ihr wieder in die Augen schauen konnte. Auch jetzt, beim Schreiben dieser Zeilen, rinnen mir Tränen die Wangen runter. Aber ich glaube, dass ich jetzt ein Stück weiter gekommen bin in meinem Leben, dass ich mich/uns jetzt befreit habe von einer Lüge.

Ich spüre im Moment eigentlich keinerlei Druck, mich sofort nach einer Partnerin umzusehen. Aber ich habe mich jetzt frei gemacht, es jederzeit tun zu können. Irgendwann wird die Zeit dafür reif sein und es wird ein neuer Mensch in meinem Leben erscheinen. Und dann werde ich bereit sein.

Ich weiß nicht, ob das jemand verstehen kann, denn ich neige schon seit jeher zu komplizierten Verhältnissen. Eines aber ist auf jeden Fall sicher: Ich bin glücklich. Glücklich, Svenja nicht zu verlieren, glücklich, wieder ein Stück der Wahrheit für mich gefunden zu haben. Ich werde mich nun bemühen, dieses Gefühl zu festigen und in mein Leben zu integrieren, um nicht wieder in alte Muster zurück zu fallen.

Danke fürs Lesen. Eure glückliche Hexe.







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