Tripbericht lesen
Übersicht:
| Titel: | die Liebe und der Schimmelpilz |
| Drogen: | Mischkonsum von MDMA und Alkohol (Reihenfolge vom Autor festgelegt) |
| Autor: | Baldrian |
| Datum: | 23.05.2011 19:07 |
| Set: | erschöpft, allerdings ausserordentlich glücklich |
| Setting: | abends an einem Konzert, zeitweise draussen bei Regen |
| Nützlichkeit: | 8,88 von 10 möglichen (32 Stimmen abgegeben) |
Bericht:
Mischkonsum mit MDMA (150 mg), Alkohol (1 Bier) und einem unbestimmten, gerauchten Psychedelikum (eventuell eine kleine Dosis DMT oder Bufotenin)
Der Tag zuvor war in meiner Erinnerung bereits zu einem der ::legendärsten und explosivsten:: Tage meiner neunzehn Jahre Lebens gewachsen; vor etwa drei Monaten lernte ich einsamer Hippie-Idealist dank eines Pilzberichtes hier im Land der Träume den Zürcher Mozart kennen, worauf wir uns trafen, da wir ja eine ähnliche Ideologie teilten und auch die geographische Nähe uns dazu einlud - - und kurze Zeit später war ich, überzogen von einem regenbogenfarbenen Glanz tiefer Dankbarkeit, mittendrin im bunten alternativen ausgefreakten groovy Strudel der reinkarnierten 60er-Jahre Zürichs, war also geschehn, was ich mir zuvor immer nur in Träumen ausgemalt habe - - diese Szene kennenzulernen! Acid Jam Sessions :: psychedelisch gemusterte Kleider :: LSD-Séancen auf Altstadtdächern :: bekiffte tomatenrote Augen und schimmernde Explosionen ungebundener Kreativität und alles zusammengehalten von einer Menge positiver Vibrat-t-t-t-t-tions! peace!
An besagtem Vortag stürzte ich mich zusammen mit Mozart mal wieder in den psychedelischen visionären Tunnel, und als uns der Himmel über der Rentenanstalt im wörtlichen Sinne zu bunt und eher noch die Musik zu mnml-istisch wurde, liessen wir uns treiben, denn - -Junge- -, wenn du dich auf Acid treiben lässt, das weiss ich aus Erfahrung, dann kann grundsätzlich nur was ganz Gutes geschehen, und mit psychedelischer Sicherheit wird der verdrehte Abend auf irgendeinem Altstadtdach enden wo man den Lichterteppich unter sich und auch den verdammten Hauptbahnhof sehen kann - - oder sonstwo. Denn irgendwie schaffen es diese paar faszinierenden Atome, den Lauf der Welt zu verändern.
Ja, ja, genau, und dieser Flow führte uns durch den Migros-Tempel, wo sich unser nüchterner Wächter um Mozart kümmen musste, der in dieser Plastikwelt, zwischen schwankenden Türmen hässlich verpackten Mononatriumglutamates und Geschmacksverstärker, in der ganzen Tummelei gestresster abgelöschter Schachbrettgeistgesichter, kurze Momente unerträglichen Schreckens durchmachte. Danach eine Zugfahrt mit viel Bananen und Beeren und panischer Angst vor dem ::verdammten:: Billetkontrolleur. Ich fuhr schwarz, und Schwarz macht sich nicht gut zwischen den ganzen Farbbrechungen dieser mentalen Benzinwelt.
Und da wir uns später, Zeit egal, womöglich zehn Uhr abends?, tatsächlich mehr oder weniger plötzlich mitten in einer Hippiekommune am Wald befanden und die ganze Nacht in einem THC-dunstigen Zimmer durchmusizierten mit einem bunt zusammengewürfelten Haufen rastamähniger Naturburschen aus dem Osten, aus Japan - - von wo auch immer - -, aus dem Zimmer nebenan ekstasische urtümliche Trommelei hörten, von Zeit zu Zeit raus an den Bach auf abgewetzte ledrige Sofas in einer kleinen Hütte flüchteten ja, da wir an diesem Ort waren und all diese magischen Dinge geschahen, konnten wir unsere Theorie vom acidbedingten Weltlauf als bestätigt betrachten. Und zufrieden synästhetischen Tee trinken.
Samstag Nachmittags muss ich mich wieder in die kleine Welt meines Elternhauses begeben, schlafe erstmals drei Stunden durch um diesen freitaglichen Wirbel zu verarbeiten - - aber auch über diesem Tag hängt etwas Heiliges, Spektakuläres, elektrisierende Spannung! Für diesen Abend ist ein Konzert angesagt, drei lokale Bands werden spielen, darunter Freevolution - - (Psychedelic Jazz Rock); allesamt Freunde von mir und Mozart. Und heute, wie wir es organisiert haben, wird MDMA unsere neuronalen Schaltkreise vibrieren lassen - ich hatte schon zwei Mal welches konsumiert, aber nie in anständiger Dosierung.
Gelegenerweise liegt das Lokal bei mir im Dorf, und ich brauche nur durch diese Geisterstadt zu wandeln, denn nichts Anderes ist A., wenn es an einem Samstag Nachmittag regnet, und wahrscheinlich sieht mich keiner, wie ich da barfuss schirmlos über nassen Asphalt laufe und mich tierisch darüber freu. Ein Trip wie derjenige von gestern hakt sich für eine ganze Weile lang in deinem Hirn fest - -
Im Industriegebiet finde ich das Lokal: Eine ruinierte, unscheinbare Tür und daneben nur ein kleiner Zettel mit der Aufschrift ’Cave Germinal’ sowie Setliste. Dann ein Korridor, wieder ein abgewetztes Sofa, Treppe runter, rein in gemütliches Unterirdisches, wo ich meine Kettenglieder wiederfinde - - Mozart und die ganze Bande. Nur der MDMA-Guru fehlt.
Genau rechtzeitig vor Konzertbeginn kommt Ringo doch noch an mit seinen ::sechs blauen Lacoste-Pillen in the shade::, und wir stehen draussen im Regen und lassen die analysierten 90% MDMA unsere Speiseröhren hinunterwandern. Zumindest drei von uns: Mozart, Ringo und ich. Die Musiker von Freevolution wollen erst nach ihrem Auftritt eintauchen, und Pegasus entscheidet sich (vorerst) um, weil es kein reines MDMA sei.
Wir gehen wieder nach unten, denn die Band wird nun spielen. Ich habe noch die phantastische Gelegenheit, mir ein Bier zu kaufen und es zu hinunterzustürzen, und da bin ich auch schon gut alkoholisiert.
Dann rauschen die ersten Klänge, psychedelische, bluesige Klänge, und ich springe auf die Tanzfläche und wirble mit meinem indischen Schal umher wie ein Derwisch, aber nein, das ist nicht die Wirkung der Droge, das ist die Musik, die möglicherweise in einer kleinen Pfütze enthemmenden Alkohols schwimmt. Jedenfalls bin ich kein scheues Reh wie sonst.
Während die Wucht von Break on through to the Other Side (wie passend) durch meinen Kopf scheppert, fühle ich mich gerade mal ein wenig heiterer und verschwende keinen einzigen Gedanken ans MDMA, aber pustekuchen!, das Tanzen und die ekstasischen Bewegungen tauchen meinen Bewusstseinszustand bereits in luftige Höhen, ich stolpere ständig über die Stromversorgung der Verstärker und die Mischpultverkabelung egal, weiterrrrrrr! Nach einem endlosen Jam als Zugabe hat Freevolution seine ehrvolle Pflicht getan, und ich, verschwitzt, aufgeregt, körperlich erschöpft vom gestrigen Wunder, vom Tanzen, vom Hunger, gehe mit den Musikern und vielen anderen Leuten nach draussen, rauche eine Zigarette im Regen - - - - - - - und WUMM!, schwebe ich! Mit einem einzigen lautlosen WUMM! stellt sich für mich alles auf den Kopf, wird alles anders, leuchtend, offen, ehrlich, warm, magisch, und genau dieses WUMM! lacht mir in die Ohren: Du hast mich unterschätzt, komm raus aus deiner kleinen scheuen Welt! Und ja, ich hatte doch keinen Trip erwartet, ich erwartete ein wenig Lächeln, ein wenig oberflächliches Glück, nicht vergleichbar mit LSD oder Pilzen, nichts Tiefgründiges, denn was wird denn jemals ... wahrhaftiger und erleuchtender sein als der ::psychedelische:: Wirrrrrrbel? Ich nichtswissender Psychedeliker!
O diese Wärme!
Für das Verständnis der folgenden Ereignisse und des Wandels, der mit mir durchgeht, muss ich nun ein wenig persönlicher werden, denn was ich am ehesten mit dem Leser teilen will, sind die nachhaltigen Veränderungen, die ich dank dieser Erfahrung erlebe.
Ich bin ein nachdenklicher Mensch mit wenig Selbstvertrauen, grüblerisch, idealistisch, ja desillusioniert manchmal, voller Weltschmerz, scheu - - und vollkommen überrationalisiert, ’intellektuell’, nicht als Selbstlob, sondern als Eigenschaft, die meinem Wesen eigentlich im Weg steht. Ich denke viel eher, als dass ich fühle. Und gerade die (wohlbemerkt: nicht platonische) Liebe und alles Körperliche - vermutlich als Schutzfunktion, da sie noch niemand jemals mit mir teilen wollte und ich sie meinerseits immer nur als Enttäuschung oder Verletzung wahrnahm - verpackte ich in einer eigentlichen Polemik, in einem dichten Komplex rationaler Gebilde; ein Schimmelpilz, der mein Wesen zu verseuchen drohte.
Liebe bedeutet nicht Frieden, Liebe bedeutet Wettbewerb, Krieg. Sie schenkt der Welt nichts, sondern ist lediglich eine Umverteilung von Glück und Elend. Auf jede Bindung kommt irgendwer, der einsam bleibt, verletzt wird oder nicht auf seine Kosten kommt. Liebe ist hassenswert, und ich kann der Welt einen Gefallen tun, indem ich mich selbst aus dieser Geschichte heraushalte, indem ich mich nicht schuldig mache. Als Märtyrer sozusagen.
Und diesen Schimmelpilz fütterte ich mit nahrhaften Gedanken, mit wirren, jugendlichen Träumereien, mit versponnen Ideologien, mit abstrusen Ideen aus den Tiefen meines übersteigerten Verstandes, und dann - ich kann nur sagen, dieser mächtige Schutzmechanismus, mein liebster Pilz, wird innert wenigen Minuten zerschlagen, gespalten, aufgelöst durch eine kleine Menge MDMA ...
Psychedelische Erfahrungen halfen mir, sie erweiterten meinen künstlerischen Horizont, meine philosophische Ader, halfen mir, ein Kindheitstrauma zu verarbeiten, mehr Schönheit zu erkennen. Aber sie trugen wesentlich dazu bei, mich noch nachdenklicher, noch kritischer! zu machen, und fütterten damit meinen Schimmelpilz gewissermassen ...
Und jetzt stehe ich draussen auf MDMA, und das :::ALLES::: fällt von mir ab, ich bin ich, es fühlt sich ehrlich an, und dennoch bin ich ganz ein Andrer. Die Erleuchtung! Mein Kiefer beginnt zu malmen, ein breites Lächeln dehnt sich aus, geschweige denn - meine Pupillen, und alles leuchtet, ich bin ihr, ihr seid ich! Ein Weilchen stehe ich herum, vollkommen überrascht, überwältigt, überfordert, und dann spring ich auf und das ist wohl der Zeitpunkt, ab dem ich für drei Stunden kaum mehr stillsitzen oder -stehen werde. Rrrrrrein, durch den schäbigen, unendlich liebevollen Korridor, hier dieses unendlich liebevolle weiche Sofa, eine liebevolle leuchtende Treppe, denn es ist so: Alles leuchtet, keine sonstigen optischen Veränderungen wie auf LSD oder was auch immer, aber - - so ein Leuchten habe ich noch nie zuvor gesehen! Und die Gedankenflut - - liebevoll! Unzählige Gedanken, mächtig, rasend, aber kein einziger düsterer oder kritischer, nur Liebe - - und diese Wachheit! Ich fühle Energie stosshaft mit einer LKW-Ladung Wärme durch meinen Körper kribbeln. Laufen auf MDMA ist kein Rennen, es ist Laufen in Zeitraffer, und ich rase vorbei an all diesen Personen, die ja irgendwie genau so sind wie ich, und es ist wohl nichts leichter als zu sehen, dass ich gerade mächtig abdrifte, aber egal, sie werden schon nicht schlecht von dir denken, Junge, denn sie sind liebenswert, und du ebenso, wie kann es denn überhaupt sein, dass hier irgendetwas Negatives sein Unwesen treibt? Und alles liegt mir unendlich nahe, ich fühle mich irgendwie zu gross, egal wie ich stehe, der Boden ist unendlich nahe, die Wände sind unendlich nahe, nun was heisst das? Alles ist mir zugetan! Alles gehört mir und ich gehöre allen, da sind keine Grenzen mehr, diese spröde Sozialstruktur ist - - abgefallen, wie meine ganze Maskerade.
Ich muss Mozart sehn ich muss Mozart sehn ich muss Mozart sehn und der Boden rast unter mir hinweg und irgendwann sehe ich ihn dann vor mir, mit breitem, liebevollem Grinsen in einem Sessel, und ich - - wo ich sonst ja kaum zu einer dermassen spontanen und offenen Regung fähig gewesen war - - setze mich auf seinen Schoss, umarme ihn, bewundere seine Künstlernase und seine ::TELLER:: - und bin gleich wieder weg, denn: He, Mozart, wir sollten uns jetzt mal im Spiegel anschauen!, und dann stehen wir zu zweit im weissgekachelten Raum und bewundern uns im Spiegel, denn sämtliche Komplexe liessen wir abgekapselt im nüchternen Zustand zurück, sie waren ebenso nichtvorhanden wie meine Iris. Mozart, wir sind verdammt schön!
Und wieder im Konzertraum, siehe da, die Schwingung hat an Energie gewonnen, SECHS Personen auf MDMA inzwischen, und logischerweise eine Gruppenumarmung, oder eher ein Knäuel. Haut und lange Haare haben sich noch nie zuvor dermassen intensiv und schön angefühlt ... Nicht so interessant wie auf LSD, nicht so erhaben oder rätselhaft, keine synästhetischen Mandalas durch Berührung - - aber einfach nur schön, schöner als vieles, das ich jemals zuvor erlebt hatte. Inzwischen spielt natürlich bereits die zweite Band, Indie-Rock oder sowas, aber diese ganze Sozialorgie ist mir gerade viel wichtiger, und zur Musik wirble ich herum und umarme Leute, die ich kaum kenne, egal ob auf MDMA oder nicht; bei denjenigen, mit denen ich bereits vertrauter bin (allerdings nur Männer, da steht nämlich ein letzter Wall von Schüchternheit), sind es mehr als Umarmungen; engumschlungene Streicheleinheiten, liebevolle Blicke - - und alle sind erstaunlich offen, vermutlich eine wertvolle Eigenheit dieser Szene. Und allen beteure ich, wie froh ich bin, dass ich sie dank Mozart kennengelernt habe, und dass ich mir keinen wunderlicheren und angenehmeren Freundeskreis wünschen könne, und ich ::rede:: und ::rede:: und ::rede:: ganz einfach so, wie mir die Gedanken durch den Kopf schiessen, und dabei steht mir wohl das offenste, liebevollste und breiteste Lächeln ins Gesicht geschrieben, das man sich nur vorstellen kann.
Irgendwann in diesem ekstasischen Strudel liege ich bei Cassady, der mich um etwa eineinhalb Köpfe überragt, fahre ihm zärtlich durch die lockige Mähne und über den Dreitagebart, und dann sage ich nachdenklich, ohne böse Absichten und eher zu mir selbst, dass ich so eine Nähe auch gerne einmal mit einem weiblichen Wesen teilen würde. (Und ich Exzentriker habe das soweit ich mich erinnern mag tatsächlich so gesagt.) Cassady - blitzschnell reagiert er - wirft einen vielsagenden Blick in Richtung einer äusserst femininen und attraktiven jungen Dame direkt neben ihm, spricht sie kurz an, - er kennt sie! - und dann, schneller als dass ich nachdenken kann (er weiss, wie man auf :::MDMA::: funktioniert!) macht er sie darauf aufmerksam, dass ich ein Begehren hätte, und jetzt, da sie mich so fragend anschaut, kann ich mich nicht zurückhalten, und es sprudelt einfach heraus - - ich frage sie, nicht schüchtern oder mit gebrochener Stimme, sondern höflich, bestenfalls charmant -hallelujah-, ob ich sie ein wenig liebkosen dürfe, und es sprudelt mehr aus meinem lockeren Mundwerk als nötig gewesen wäre: Dass ich noch nie die Gelegenheit zu einer solchen Nähe gehabt und deswegen oftmals Komplexe hätte, dass mich das immer verdammt nachdenklich stimme, und dass ich auf MDMA und sonst ein ganz anderer Mensch sei, und: Wieso, wieso verdammt nochmals kann ich nicht immer so offen sein??
Ich lege mich zwischen sie und Cassady und lege meine Arme um sie, und mir kommt es in diesem Moment vor, als wäre mein ganzes bisheriges Leben, meine neunzehn Jahre ohne geringsten erotischen Körperkontakt auf diesen Moment ausgerichtet gewesen. Ich schaue ihr tief in die Augen, während ich ihr über den Rücken streiche und beteure ihr, wie dankbar ich ihr sei, und wie glücklich ich überhaupt über diesen Moment bin, und dass ich ihn niemals wieder vergessen werde. Ach, das sei doch keine Sache, meint sie, ich hätte ein sehr bezauberndes Lächeln (MDMA?) und sie finde es auch schön so. Das geht dann noch eine Weile so weiter und ich fühle mich gezwungen, eher; die Situation, ich selbst, das MDMA zwingen mich dazu, sie zu fragen, ob ich sie küssen dürfe. Sie sagt nein - - dafür ist für mich die Sache beendet, - - ich stehe auf, bedanke mich und verschwinde so schnell wie möglich nach draussen. Nikotin! Beruhigung! Regen, ich brauche wieder Regen auf dem Kopf!
Diese ’Niederlage’, denn so ist es mir vorgekommen, - - als Bestätigung, dass ich tatsächlich abstossend, widerwärtig und absolut unsympathisch sei -, belästigt mich allerdings nach kurzer Zeit bereits nicht mehr, denn darüber ist bereits wieder eine Flutwelle positiver Gefühle hinweggerollt und draussen in diesem liebevollen und lächelnden Industriegebiet stürze ich mich wieder ins Sozialspiel, und in einer überdachten Nische sitzen Mozart und Ringo, erzähle ihnen mit feuriger Stimme, dass ich gerade zum ersten Mal engeren Kontakt mit einer Frau gehabt hätte, und Mozart freut sich aufrichtig, springt auf, gratuliert mir, er sei stolz auf mich, und Ringo wird Opfer einer langen Umarmung. Danke, danke, vielen Dank für diesen Wunderstoff! Ich bin ein Gemeinschaftstier.
Neben der Türe steht Uru, Freevolutions Bassist, bei einer Gruppe seltsamer Vögel, die einen Joint kreisen lassen. Ich gliedere mich ein und sauge am Glimmstängel und Teufel!, es schmeckt seltsam, nach verbranntem Plastik, liegt das am MDMA? - - nein, kurz nachdem ich den Joint weitergegeben habe, überreicht mir einer dieser Vögel das heilige Wissen: Du, das war dann übrigens synthetisches Psilocybin. - - oder irgendwas Ähnliches in der Kategorie. DMT, Bufotenin?
Nun eine Wirkung lässt auf sich warten, dafür fühle ich mich plötzlich wieder unwohl (sofern mir in diesem Zustand überhaupt irgendwas wirklich unwohl sein kann) wegen der misslungenen Geschichte von vorhin, ich stürze also wieder ins Warme, wunderbar!, schwebe die Treppe hinunter und - - stehe dann wieder vor ihr und entschuldige mich überschwänglich für meine Dreistigkeit, und das nicht zum letzten Mal diesen Abend, dieses Spiel wird sich noch ein, zwei Male wiederholen. Und wieder beglücke ich möglichst viele Anwesende mit meiner Anhänglichkeit, und ich weiss, dass ich den Gipfel der Wirkung und den Gipfel der Liebe erreicht habe, denn mehr - kann - einfach - nicht - sein! Und plötzlich ist da soviel Schärfe, soviel Tiefe in meiner Liebe, heiliger Mischkonsum!, entlang den Wänden bilden sich pulsierende Rot-Grün-Kontraste, willkürliche Assoziationen tummeln sich am äussersten Rande meiner Augenwinkel, und ja, da sind sie wieder, der glühende Schatz meiner unbewussten Welt, die guten alten Tryptamin-Muster!
Alles in mir lechzt nach Wasser, natürlich, MDMA, Ekstase, ich brauche Wasser und kann kaum beschreiben, wie sich das anfühlt, mich mit kaltem, klarem Wasser zu füllen, mir das Gesicht zu waschen - - und gerade nach diesem Ritual werde ich noch auf der Toilette in eine hippe Konversation verwickelt, offenbar strahle ich so etwas aus, weil eine Veränderung mit mir durchgegangen ist, oder zumindest kommt mir das so vor; eine Aura, die den Leuten signalisiert, mit mir zu sprechen, denn plötzlich sagt mir der andere Kerl da vorm Spiegel, dass er es mutig von mir finde, an einem Konzert barfuss zu laufen, und wir reden, als würden wir uns schon seit einer halben Ewigkeit kennen.
Danach verlieren sich meine Finger im wallenden Viskose-Stoff meines Schales, und dass ich gerade ausschliesslich Viskose trage, ist tatsächlich ein wunderbarer Zufall, denn - - weicheren Stoff gibt es kaum! Oooooh, aaaaah! Kurze Zeit nachher muss ich ihn leider ausziehen, da er in einer Pfütze Seifenblasenwasser landet. Aber auch Seifenwasser auf Viskose fühlt sich grossartig an. Und der Wandverputz - - und Pegasus, der vorhin die Gelegenheit hatte, nochmals mit der Band auf der Bühne zu stehen - auf MDMA. Bist du auch so touchy? - Als Antwort lächle ich nur.
Und dann wieder das alte Spiel, nach draussen, dann wieder nach drinnen, durch Korridor und Treppe und dann gerade wieder nach draussen weil ich ganz einfach nicht aushalten kann, zulange von einigen Personen getrennt zu sein, ja, sie müssten alle beieinander stehn, damit ich mit jeder einzelnen Person meine Welt teilen könnte. Irgendwann läuft mir dabei Paracelsa über den Weg, Paracelsa von gestern, von der Hippiekommune, und ich umarme sie stürmisch und lege ihr die Hände auf die Schultern - - du trägst ein unglaublich schönes Tuch! - deine Haare sind auch schön - und, ooh, deine Augen, und überhaupt alles! und damit stürze ich wieder davon, selbst wohl am meisten verwundert, dass ich so etwas aus mir herauswringen konnte, stürze davon, um mehr, mehr, mehr Liebe aufzusaugen, aber ich bin ausgelaugt allmählich, es funktioniert nicht mehr ganz so wie ich will, den Gipfel habe ich ja bereits erreicht und muss irgendwie wieder runter, aber dazu bin ich zu erschöpft, - - warum überhaupt soll ich wieder nach unten wollen?
Dann realisiere ich ... dass ich bis jetzt am Fliegen war, nun allerdings keine Flügel mehr habe, oder keine Kraft mehr, sie zu schwingen, und nun fallen und stolpern müsse. Und nach einer halben Stunde bereits sitze ich im ::tiefsten und schwarzesten:: aller Löcher, kein Leuchten mehr, alles trüb und verloren, und statt Glückseligkeit hämmern mir nur noch Suizidgedanken und Gefühle peinlichster Minderwertigkeit an den Schädel, und der schwerste und wuchtigste aller Hämmer trägt die Aufschrift: Du konntest nur dank MDMA so offen sein.
Und ich frage mich, wie ich jemals wieder glücklich sein könne ohne meinen kalten rationalen metallischen Schutzmechanismus.
Um drei Uhr morgens verabschiede ich mich gepeinigt und geprügelt von meinen Freunden, einsilbig, wie paralysiert ... jeder, der seine Aufmerksamkeit nicht unter einer Menge Bier oder Gras begraben hat, wird wohl bemerkt haben, welchen erschütternden Wandel ich durchgemacht habe - - Sturz vom Paradies mitten in Zynismus. Draussen, und ja, da ist wieder viel Kälte, viel Nass ... läuft sie mir über den Weg, legt den Arm über meine Schultern und fragt, ob ich sie zum Bahnhof begleiten wolle - - ich (kalt und abweisend): nein, ich wohne hier in der Nähe.
Ich laufe frierend nach Hause durch eine tote, dunkle Blockbauwelt.
Sonntags bleibe ich hängen in dieser Stimmung und wünsche mir sämtliches ::Serotonin:: in meinem Kopf zurück. Aber verflucht nochmals, es ist ja nicht nur eine Sache von Neurotransmittern, es ist diese Erfahrung, diese Erkenntnis der Liebe!
Erst montags seh ich den Rand dieses Loches - - meine Persönlichkeit liegt in meiner Hand, natürlich! Es liegt an mir, diese Offenheit zu bewahren, und siehe, es gelingt! Ich bin nicht gerade glücklicher, da ich diese neugewonnene Erkenntnis ja mit niemandem teilen kann, aber zumindest entscheidend offener, kann jetzt mehr von mir preisgeben als zuvor … MDMA war für mich tatsächlich eine Art Erleuchtung - - aus der ich meine Lehre ziehen konnte.