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Titel:Fremd im Wald - Ein Psy Festival mit Asperger
Droge:LSD
Autor:Dreamdance
Datum:29.05.2018 21:28
Nützlichkeit:9,80 von 10 möglichen   (20 Stimmen abgegeben)

Bericht::

Da der eigentliche Tital zu lang war hier nochmal richtig.

Fremd im Wald - Ein Psytrance Festival aus der Sicht eines Aspergers.



Kurzes Vorwort

Ich habe es bisher im Internet größtenteils vermieden mich meiner Störung klar zu bekennen, möchte an dieser Stelle nicht all zu sehr auf sie eingehen und bitte daher darum Fragen die sich nur darauf ausserhalb des Festivalkontextes beziehen zu vermeiden. Es reicht zu wissen dass es bei mir bereits seit der frühen Kindheit allerhand Auffälligkeiten gab und ich letztes Jahr in einer Spezialambulanz meine Diagnose erhielt. Wer mehr darüber erfahren möchte findet im Internet genügend Informationen. In diesem Bericht soll es nur darum gehen wie ich aus meiner Sicht diese Veranstaltung erleben konnte und habe. Alle Namen in dieser Geschichte sind geändert.





Die Vorbereitung

Schon seit längerem interessiere ich mich für verschiedene psychoaktive Substanzen, ganz speziell vor allem für entheogene Psychedelika. Ihre Wirkmechanismen, Eindrücke, Potenziale, Auswirkungen und ihre Gefahren. Im Laufe meiner Recherchen dazu stieß ich zwangsläufig auch auf die Psytrance/Goakultur, die zumindest in Teilen die Werte der alten Hippiekultur vertritt und deren grundsätzliche Ideale ich selbst sehr positiv betrachte. So wollte ich erfahren was diese Menschen ausmacht. Wie sie denken, wie sie handeln, wie sie ihren Konsum betrachten und wie er sie beeinflusst. Jedoch hielten mich sowohl meine akuten Lebensumstände als auch meine Probleme mit Menschenmassen, Überreizung und Kontaktfindungsschwierigkeiten nun seit Jahren davon ab diesen Erfahrungswunsch tatsächlich in die Realität umzusetzen. Allerdings hatte ich im vorrausgehenden Kontakt mit Jemandem übers Internet, nennen wir ihn einfach mal „Gurke“, schon mal erwähnt dass ich mal Interesse hätte mir so eine Veranstaltung mal anzuschauen.

Vor einigen Wochen lud dieser mich nun ein mit ihm und einigen seiner Freunde zum „Waldfrieden - Hai in den Mai“ zu fahren. Dies löste bereits die erste große Barriere des Kontaktaufbaus. Zwar schien es erst so als wäre es finanziell kaum umsetzbar, dieses Problem ließ sich dann aber doch noch sehr gut lösen da man sein Festivalticket beim Waldfrieden abarbeiten kann und sich später noch eine unerwartete finanzielle Entlastung bei mir ergab. Ich erklärte meine Situation und bestimmte Dinge bei denen ich Rücksicht benötige sowie Kompensationsstrategien die für Außenstehende die mich nicht kennen evtl. merkwürdig erscheinen können, sodass ich mich z.B. manchmal einfach zurückziehen und alleine sein muss um etwas Energie zu sammeln. Dabei stieß ich auf eine selten erlebte Akzeptanz und das Angebot dass Gurke auf mich aufpassen würde, sowohl nüchtern als auch speziell als Tripsitter für den Konsum in diesem sehr intensiven Setting. Die Wochen vor dem Festival verbrachte ich sowohl mit mentaler Vorbereitung als auch mit rigoroser Durchplanung aller möglichen Szenarien um mir selbst mehr Kapazität für den mit der Situation verbundenen Stress zu schaffen. Außerdem hörte ich zur Konditionierung viel dieser Musik die mir wenig bekannt war und die ich nicht so richtig verstand, der ich aber lange ausgesetzt sein würde.





Der erste Tag - Die Reise beginnt

Donnerstag, jetzt gibt es kein zurück mehr. Nach dem Duschen und mehrfacher Überprüfung ob ich auch wirklich für alles gerüstet bin ging es los. Viel zu schwer beladen fuhr ich mit dem Bus und anschließend mit dem Zug in Richtung Festival. Gurke und ich sollten uns im Zug etwa eine Stunde vor Ankunft treffen, wir tauschten Fotos aus und am richtigen Bahnhof stand er dann auch auf einmal im Abteil vor mir. „Jetzt alles nach Plan, diese Menschen begrüßen und verabschieden sich mit Umarmungen, also hoch mit dir“. Es fühlte sich zwar etwas merkwürdig an aber die erste Hürde war geschafft. Wir setzen uns und unterhielten uns ein wenig über den Ablauf, die zu erwartenden Leute, und tranken als einige Stationen später ein weiterer Freund namens Larry zustieg ein Begrüßungsbier. Wir tauschten zur Absicherung etwas Gepäck aus um das Risiko bei einer potenziellen Kontrolle vor dem Festival zu vermeiden und ich konnte mich etwas aus dem Gespräch zurückziehen da Gurke und Larry sich unterhielten und ich sowieso nicht viel dazu beitragen konnte. Zeitweise packte Gurke seine Gitarre aus und spielte ein wenig, was mir gefiel und auch meine Passivität etwas kaschierte.

Nachdem wir am Zielbahnhof in den Bus umgestiegen waren kam es zum Erstkontakt mit anderen Festivalgängern mit denen und die mit meinen Begleitern sehr offen umgingen wie ich es nicht gewohnt bin. Daher beobachtete ich vor allem um mir die scheinbar üblichen Umgangsformen zumindest ein wenig aneignen zu können. Dies behielt ich auch noch länger bei da mir das Konzept für diese Menschen fehlt(e). Wir marschierten nach Ankunft von der Bushaltestelle zum Festivalgelände wo natürlich ein großes cha0s herrschte, was mir aber zumindest durch meinen früheren Besuchs einer Motorsportveranstaltung mit Camping nicht ganz unbekannt war. Der Einlass lief außerordentlich schnell und unkompliziert, wodurch wir recht zügig zum Zeltplatz gelangten und nach einer kurzer Suche einen Platz fanden der groß genug für die Gruppe sein würde. Überall Zelte, Autos, laute Menschen und ein unheimliches Gewusel während immer mehr Leute eintrafen und aufbauten.

Dort begegneten wir auch zum ersten Mal Axel. Axel entsprach so ziemlich dem wie ich mir die dortigen Besucher vorgestellt hatte. Dreads, T-Shirt mit psychedelischem Muster, Goa-Hose, Joint. Sehr freundlich, aber mir doch vorerst noch etwas suspekt. Dennoch halfen wir ihm dabei sein bereits aufgebautes Zelt in unser Proto-Camp umzuziehen. Nach einer kurzen Pause in der Gurke sein scheinbar verlorenes Handy suchte (Es tauchte später wieder auf) steckten wir die Grenzen des Camps ab und begannen selbst mit dem Aufbau unserer Zelte. „Woah, hier sind wir nun also, und was jetzt?“. Dachte ich mir während ich bereits ein wenig mit der Gesamtsituation erfordert war. Doch ich bekam recht zügig die Aufgabe beim abfüllen von einigen Kapseln zu helfen, wodurch ich zumindest einen vorübergehenden Fokuspunkt bekam. Gurke führte mich einmal über das Gelände um mir zu zeigen wie ich etwas finde und wo ich Rückzugspunkte suchen kann, und um 18 Uhr sollten Gurke und ich dann sowieso arbeiten. (Man kann das Event kostenlos besuchen wenn man 2 Schichten dort als Ordner arbeitet) Da bekäme ich dann sowieso meinen Rückzug aus der Situation.

So kam es dann auch, ich wurde für einen etwas abgelegenen Posten eingeteilt der es mir erlaubte mich erstmals an die Umgebung zu gewöhnen und meine Interaktion mit anderen Mitmenschen größtenteils auf „Gehört ihr zu den Shops? Entschuldige dann dürft ihr hier nicht lang, geht bitte da vorne rum“ beschränkte. Dennoch kann ich anderen Interessierten nicht empfehlen diesen Job zu machen, nach 8 Stunden rumstehen und patrouillieren ohne jede Pause und Abends dann frierend macht es wirklich keinen Spaß dort zu arbeiten. Auch Gurke der einen ganz anderen Posten besetzte war derselben Meinung, es lohnt sich wirklich nur dann wenn ihr das Festival ohne die Arbeitszeit nicht bezahlen könntet. Zuerst bleibt ich mittig auf dem Steg sodass so weit wie möglich von der Masse entfernt sein würde, aber dennoch reagieren konnte sollte sich etwas bewegen. Im Hintergrund lief bereits diese merkwürdige Musik, ich könnte euch nicht sagen welcher Stil es war. Am Anfang noch etwas verwirrt und zweifach versucht sogar tatsächliche Crew-Leute zu verweisen, lernte ich jedoch schnell auf welche Merkmale ich zu achten hatte um die richtigen Leute in Ruhe zu lassen.

Namensschilder oder gelbe Bändchen waren der Schlüssel. Ich lernte ausserdem dass ich scheinbar eine sehr genaue interne Uhr besitze da ich verlässlich in 15 Minuten Takten auf die Uhr schaute.

Nach einer Stunde dachte ich ich würde nach Zweien hin schmeissen. Nach Zweien dachte ich ich schaffe keine 3. Erst nach 5 Stunden als ich mithilfe der Kontrollmitarbeiterin und dank Gurke endlich eine Jacke besaß schien es mir als würde ich es schaffen. Und das tat ich dann auch. Körperlich völlig am Ende kehrten wir um ca. 2:30 Uhr nachts zurück ins Camp nachdem wir unsere Schicht ausgestempelt hatten, wo nun bereits ein paar weitere Leute hinzugekommen waren. Ich beteiligte mich kaum da ich kaum noch aufnahmefähig war und konzentrierte mich vor allem aufs Essen. Kurz darauf ich machte jedoch den Fehler bei einem Joint der umherging, und dann bei einem zweiten der quasi dazukam mitzuziehen. Den ganzen Tag schon schwer überfordert mit den ganzen Reizen, Menschen und mir selbst, geriet ich in eine negative Gedankenspirale. Und während ich Jemandem den ich nicht mal kannte mit der Taschenlampe leuchtete sodass er Ketamin ziehen konnte fragte ich mich wo ich hier eigentlich gelandet sei und was ich mit meinem Leben eigentlich falsch gemacht habe. „Das ist genau die Horrorstory vor denen man uns früher gewarnt hat“ ging es mir durch den Kopf und ich hatte große Mühe nicht in Panik zu verfallen und die Kontrolle zu verlieren. Mehr und mehr verlor ich dennoch den Bezug zu meiner Umwelt und zog mich in mich selbst zurück.

Herzrasen, überall Stimmen und umgeben von Aliens die ich nicht verstand und mit denen ich nicht mehr umzugehen wusste. Dies war mein erster Overload an diesem Wochenende. Bald darauf flüchtete ich mich in mein Zelt um dem allem zu entgehen und hoffentlich etwas Schlaf zu finden. Dort musste ich mich aber erst mal dem Inneren Konflikt stellen dass diese Gedanken absolut widersprüchlich zu dem sind was ich drogenpolitisch tatsächlich glaube und öffentlich vertrete. Glücklicherweise fand ich dennoch relativ schnell Schlaf, wohl vor allem durch meine körperliche Erschöpfung.





Der zweite Tag – New World Order

„Scheiße ist das heiß“ - Mein erster Gedanke um ca 8 Uhr morgens am Freitag. Das Zelt hatte sich durch die Sonne stark aufgeheizt und es fühlte sich an als läge ich ihn einer Sauna. Schnell schlüpfte ich aus dem Schlafsack, wechselte einige Klamotten und öffnete das Zelt wo mich eine äußerst frische Brise erwartete. Erwartungsgemäß ging es mir immer noch ziemlich mies, allerdings hatte ich das Glück dass scheinbar noch niemand wirklich wach war und ich erstmal quasi alleine wieder zurück in diese neue Welt finden durfte. Ich trank etwas, dampfte und starrte so über den Zeltplatz der nun viel voller war als ich ihn zuletzt bei Licht sah.

Als sich das erste Zelt im Camp öffnete schaute ich doch etwas verwundert da das dortige Pärchen, nennen wir sie Jerry und Marie, erst mal zum wachwerden einen Bongkopf rauchten. Hab ich zwar kein Problem mit, aber mir ist unverständlich wie man schon nach dem aufstehen etwas konsumieren kann, ich brauch erst mal meine Zeit um überhaupt mit meiner Existenz klarzukommen, Nach und nach kamen dann ein paar Leute aus ihren Zelten und es bildete sich ein kleiner Sitzkreis. Marie schlug vor mit den Anwesenden ein Trinkspiel zu spielen welches im Prinzip unmöglich zu gewinnen ist wenn man nicht grade Vollzeitalkoholiker mit 15 Jahren Berufserfahrung ist. Da ich sowieso ungern Alkohol trinke und auch nichts vertrage verzichtete ich auf meine Teilnahme und beteiligte mich eher passiv durch Situationskomik. Larry stellte später einige Eier auf den Campingkocher sodass wir ein richtig gutes Frühstück hatten, und während der Morgen so ablief beobachtete ich weiter wie sich die Leute dort untereinander verhielten zwecks bewusster Anpassung.

Zeitsprung ein paar Stunden vorwärts - Larry und Gurke wollten los um etwas LSD und MDMA zu verkaufen, um etwas aus der sozialen Runde herauszukommen schloss ich mich ihnen an. Ich hatte nicht damit gerechnet dass ich selbst mal zu einer Art „Hilfsdealer“ werden würde, aber nachdem ich erst für längere Zeit stumm begleitete und mir sowohl Worte mit denen Gurke die Menschen ansprach als auch die Preise genau gemerkt hatte half ich sogar ein bisschen und vermittelte einen Verkauf. Generell stellten wir fest dass der Markt scheinbar stark übersättigt war und führten dies auf die bessere Verfügbarkeit der Substanzen durch die größere mediale Aufmerksamkeit zu den Darknet-Markets zurück. Zurück im Camp fühlte ich mich endlich besser und entschloss dann wie es geplant war nun zum ersten Mal MDMA auszuprobieren. Sicherheitshalber dosierte ich recht niedrig mit ~80mg (auf geschätzte 80 Kg Körpergewicht) und nahm von hier an überall eine große Wasserflasche mit die man glücklicherweise an jeder zweiten Ecke des Geländes auffüllen konnte. Außerdem blieb ich ab hier wie vorher abgesprochen bei Gurke der mir gegenüber trotz eigenem Konsum absolut rational blieb und mir so eine gewisse Ruhe vermitteln konnte.

Wir bewegten uns zuerst Richtung Eingang wo er uns mit einer sehr kreativen Geschichte von der zweiten Schicht die um 02:00-10:00 von FR-SA hätte geleistet werden müssen befreite und uns die halbe Arbeitszeit ausgezahlt wurde. Der Comeup setzte zuerst sanft ein, führte dann aber für einen Moment zu etwas Rastlosigkeit und einem etwas unguten Gefühl. Dieses legte sich jedoch nach dem Verzehr von ein wenig Gemüse (welches man vielerorts gratis bekam) auch sehr rapide wieder. Danach erfuhr ich etwas was ich später als „kristallines Glück“ bezeichnen würde.

Die Droge fühlte sich im Gegensatz zu allem anderen was ich zuvor probiert hatte in keinster Weise so an als „wäre ich auf etwas“, stattdessen wirkte es einfach nur sehr entspannend als würde jede Last und all meine Probleme für einen Moment verschwinden, so völlig frei und glücklich. Auch die erwarteten Kieferspasmen stellten sich nicht ein. Einfach alles war schlicht nur noch wundervoll. Zum ersten mal bewegten wir uns Richtung Floor um mir ebenfalls dort alles zu zeigen und uns dort einen Platz suchen an dem wir später liegen würden. Die Musik war erwartungsgemäß ohrenbetäubend laut und ich fragte mich wie die Leute die dort standen/tanzten dies ertragen, ja denn sogar genießen konnten, aber ich hatte mit Gehörschutz vorgesorgt da ich im Zuge meiner Vorbereitung damit gerechnet habe. Wir entspannten eine Zeit lang auf der Wiese sehr weit vom Backyard entfernt, kehrten dann jedoch nochmal zum Camp zurück um dort etwas zu erledigen, leider weiß ich nicht mehr was das war.

Entweder dort, oder irgendwo auf dem Weg begegneten wir Marko, einem alten Freund von Gurke der zwar nicht Teil unseres Camps war, ab da aber dennoch einige Zeit mit uns verbringen sollte. Dieser bot mir im Camp „eine Nase Toni“ an, welches mir absolut nichts sagte, und sich als Koks herausstellen sollte. Dieser Ausdruck begleitete mich dann wie ein Ohrwurm für den Rest des Wochenendes, sehr merkwürdige Redewendung — Scheinbar sehr lokaler Drogenslang. Ich lehnte ab da ich kein Interesse an Koks habe und generell jeglichen Mischkonsum vermeiden wollte. Entgegen dem Klischee eines Koksers war er aber kein bisschen überheblich oder aggressiv, sondern eigentlich sehr entspannt. Nachdem Gurke und Marko zusammen etwas getrunken hatten bewegten wir uns wieder Richtung Floor, dieses mal aber zum nun endlich geöffneten Mainfloor. Auch hier bezogen wir wieder einen Platz so weit weg von der Bühne wie möglich um es mir etwas leichter zu machen, wobei ich durch das MDMA bedingt sogar tatsächlich Lust hatte selbst ein wenig wie sie es nannten „stampfen“ zu gehen. Ich würde es zwar mehr als „Kranplatz verdichten“ beschreiben, aber ich „hatte Bock“. Zu dieser Zeit passte einfach alles, die Musik, der Ort, die Zeit. Dennoch wollte ich mich nicht mitten in die Menschenmasse platzieren, also bezog ich während Marko und Gurke oben liegen blieben auf einem Podest oberhalb der Tanzfläche Position um mich dort zu verausgaben.

Es sollte erwähnt sein dass meine Körperkoordination für gewöhnlich sehr schlecht ist und ich nicht wirklich „tanzen“ kann, aber mein Körper „übersetzte“ einfach Musik in Bewegung, erstmalig „verstand“ ich die Musik bzw. die Energie darin. Ohne jede Konzentration passierte es einfach, Augen zu und "abspacken", auch wenn ich es aufgrund von Muskelschmerzen nicht für sehr lange Zeit durchziehen konnte. Zumindest hatte ich erfahren wie es sich anfühlt auf MDMA tanzen zu gehen, und schließlich ging es mir mit diesem Festivalbesuch ja auch darum Erfahrungen zu sammeln. Erschöpft wieder zurück zu unserem abgelegenen Liegeplatz waren Marko und Gurke in ein tiefes sachliches Gespräch verwickelt welches mein Interesse weckte und zu dem ich mich in der Lage sah selbst etwas beizutragen, also stieg ich erstmals an diesem Wochenende wirklich richtig in ein laufendes Gespräch ein.

Wir verbrachten dann viel Zeit dort oben und philosophierten vor uns hin, tauschten Ideen und Sichtweisen über die Menschheit, ihre Vergangenheit und Zukunft, moralische Themen und Weiterem aus, aber anders als ich es in den meisten Diskussionen kennen gelernt habe wirklich als freier Austausch von Gedanken und nicht mit dem Zweck einander überzeugen zu wollen. Dies finde ich auch im Nachhinein noch sehr beachtlich da ich ein derartig offene und respektvolle Gesprächskultur noch nie zuvor erlebt habe. Der Comedown vom Emma zeigte sich dann auch als sehr sanft und als wir wieder zum Camp zurückkehrten und noch zu Abend aßen ging ich relativ früh ins Zelt zum Schlafen da ich dennoch Recht müde war...





Der dritte Tag Teil 1 – Bad Vibes, Good Vibes

Der dritte Tag begann ähnlich wie der Zweite. Im Zelt war es verdammt heiß und ich war körperlich ziemlich fertig. Der erwartete MDMA Kater fiel allerdings wohl durch die geringe Dosis und dadurch dass ich sehr auf meine Hydration achtete eher schwach aus. Keine fiese Depression, bloß etwas Abgeschlagenheit die sich ein paar Stunden später legen sollte. Im Gegensatz zum Vortag saßen allerdings um 8 Uhr schon eine Menge Leute im Camp zu denen ich mich dann dazu setzte. Ich frühstückte und wir tranken ein paar Biere, wobei ich doch wieder mehr passiv wurde da 2 neue mir sehr unangenehme Zeitgenossen hinzugekommen waren. Scheinbar Freunde von Marko. Der eine wirkte auf mich sehr überheblich und respektlos, und der andere wie der perfekte Prototyp eines am Leben gescheiterten Alkoholikers. Die Stimmung im Camp war eher schlecht da die beiden sich und die Anderen quasi ständig auf einem Niveau beleidigten welches meiner Meinung nach über jeden Spaß hinaus geht, und gleichzeitig Marko und anderen richtigen Druck machten mit ihnen zu saufen. Ich kenne diese Klientel von Menschen und wollte mit ihnen absolut nichts zu tun haben, musste ihre Präsenz für den Moment aber einfach hinnehmen.

Gurke war schon seit längerem verschollen, erst hieß es er würde zum nahegelegenen Supermarkt laufen um dort noch mehr Alkohol zu kaufen, allerdings hätte er spätestens nach einer Stunde wieder da sein müssen. Irgendwann entschied ich mich dazu das Camp erst mal zu verlassen und ein wenig Ruhe in Richtung Eingang zu suchen da ich die beiden Gäste absolut keine Sekunde länger mehr ertrug. Ich sagte Larry bescheid dass ich mich wegen der schlechten Stimmung etwas zurückziehen würde und er Gurke bescheid sagen sollte falls dieser wieder auftauchen würde. Er wisse dann schon bescheid. Während ich dann abseits der Menschenmassen so umherlief kamen mir aufgrund der Besucher sowohl als auch der bereits verstrichenen Zeit Zweifel daran ob ich meine geplante Dosis LSD (~110 mcg) überhaupt nehmen sollte da ich spätestens um 2:00 schlafen wollte, nicht ohne Gurke starten würde und ich mir sicher war dass unsere derzeitige Gesellschaft mich während der Reise mit Sicherheit runter ziehen würde. Immer wieder beobachtete ich Menschen die mir ziemlich hinüber aussahen und versuchte einfach nur nicht weiter aufzufallen während ich so auf und ab ging und mich in meine Gedanken zurück zog.

Etwa eine Stunde später ging ich wieder zum Camp zurück in der Hoffnung dass Gurke mittlerweile zurück sei, was jedoch immer noch nicht der Fall war. Also setzt ich mich wieder stumm dazu und beobachtete einfach nur während die Zweifel in mir größer wurden. Zwischenzeitlich konkludierten wir dass Gurke wohl kaum einkaufen gegangen sein könnte da er mittlerweile bald 4 Stunden verschollen war, doch kurz bevor ich in Richtung Floor laufen wollte um ihn zu suchen stand er plötzlich wieder im Camp. Er war in der Tat wie sie es im Camp nannten „Floorwärts“ gegangen, dort auf der Wiese dann jedoch schlicht eingeschlafen. An dieser Stelle entschied ich mich sein früheres Angebot anzunehmen ihn jederzeit zur Seite rufen zu können wenn es ein Problem gäbe. Ich erklärte mein Problem und meine Bedenken im Bezug auf den LSD Konsum in Anwesenheit unserer schlechten Gesellschaft, woraufhin er überraschend sehr zügig dafür sorgte dass unsere Gäste das Camp verließen. Erstaunt, aber auch beruhigt stellte ich fest dass wir dann dennoch bald starten sollten damit ich meinen Schlafrhythmus halten könne, was wir dann auch taten.

Gemeinsam liefen wir zum Supermarkt, nahmen auf dem Weg unsere Tickets ein und unterhielten uns dabei ein wenig. Der Einkauf verlief wenig spektakulär, nur die ganzen Druffis überall wirkten irgendwie merkwürdig in dieser Umgebung. Auf dem Rückweg machten wir einige Pausen und zu dieser Zeit setzte langsam das mir bereits bekannte typische „Flauer Magen“ Gefühl ein welches andeutet dass der Trip bald einsetzen würde. Wie witzig es doch ist dass bei vielen Substanzen erst ein negatives Gefühl ankündigt dass es bald sehr positiv wird, also etwas unangenehmes das dann Vorfreude auslöst. Zurück im Camp saßen dort Klara, Marko und Luigi bei einer Diskussion die mein Interesse weckte und in die ich mich auch einbringen konnte.

Erst ging es um politische Verantwortung, dann um Musik, und während wir so sprachen fiel mir zwar auf dass sich die Welt langsam bewegte, aber ich nahm kaum bewusst war wie der Trip immer mehr an flutete. Irgendwann verschwand Klara, wofür sich aber Anni zu uns setzte. Erst unterhielten wir uns über Sprachen, und auch wenn ich mich nicht mehr genau erinnere wie wir zu dem Thema kamen sprach sie dann später im Kontext des Drogenkonsums in diesem intensiven Setting das Thema Reizüberflutung an. Darauf erklärte ich dass diese für mich prinzipiell der Normalzustand ist. Damit hatte ich das Gespräch in eine Richtung gelenkt die ich nicht erwartet hatte, denn Anni fragte mich plötzlich sehr präzise ob ich denn eine bestimmte Diagnose hätte, was ich bejahte und diese dann nannte. Nüchtern hätte ich darauf wohl nicht geantwortet, aber in diesem Zustand und diesem Moment dachte mir nichts weiter dabei.

Von hier an entwickelte sich das Gespräch erst mal für eine Zeit in eine Art Fragerunde an mich. Weniger gehemmt als üblich über persönliches zu sprechen antwortete ich und begegnete dabei einer mir kaum vertrauten Akzeptanz und Authentizität die mir in diesem Moment tatsächlich sehr viel gab, auch wenn ich dies nicht ausdrücken konnte. Im späteren Verlauf nutzte ich diese Gelegenheit auch um einige Dinge zu erfragen die ich mich nüchtern wohl kaum getraut hätte einen „Normie“ zu fragen, geschweige denn einen Fremden. Es fanden sich sogar ein paar Überschneidungen mit Luigi der wohl selbst von ADS betroffen ist, und es ergab sich ein wahrlich offener Austausch aus verschiedenen Welten. Und was mir kaum möglich schien: Scheinbar sogar ganz ehrliche Sympathie. Ich hatte fast alles erwartet an diesem Wochenende, aber mit Sicherheit nicht das. Zwischenzeitlich waren sogar unsere „Ballern“ Gäste wieder in unser Camp gekommen, aber wir waren so ins unser Gespräch vertieft das mir ihre Anwesenheit für den Moment nichts ausmachte. Sicher 3-4 Stunden vergangen so, bis ich mich erinnerte dass Gurke und ich noch vor Sonnenuntergang auf eine Anhöhe außerhalb des Geländes gehen wollten um dort ein wenig die fantastische Aussicht zu genießen. Sonnenuntergang ist dabei recht früh da die Sonne genau hinter dem sehr großen Wald untergeht.

Da einige der Leute mit denen sich Gurke unterhielt allerdings nur bereits ein abgelaufenes Tagesticket besaßen gingen wir erst mal nur zum höchsten Platz auf dem Campinggelände und setzten uns dort hin. Gurke spielte ein wenig Gitarre und ich fand es einfach nur faszinierend wie Jemand völlig fremdes mir ein so einen wunderschönen Augenblick verschaffen konnte, einfach nur indem er sich selbst auslebt. Dieses Gefühl schwenkte dann aber leider schnell um und im Gedankenstrudel fühlte ich mich auf einmal sehr unwohl. Ich hatte zuvor kaum richtig wahrgenommen wie ich „drauf kam“ und nun saß ich hier so völlig ohne Sinn, Zweck oder Bedeutung während die Welt sich in Wellen bewegte und hinter uns der Lärm mehrerer Camps simultan zu hören war. Ich wurde unruhig und versuchte mich durch etwas auf und ab laufen zu beruhigen, bereits im Hintergedanken Gurke anzusprechen dass ich Angst bekam abzurutschen. Letztlich aber half mir schon das Wissen dass dort Jemand war der im Ernstfall auf mich aufpassen würde um mich wieder selbst zu beruhigen, dennoch wollte ich so langsam hier weg. So lange ich lief oder irgendein Ziel verfolgte würde es mir besser gehen. Kurz bevor wir gingen kam Jemand der mir sehr suspekt erschien und sprach davon wie sich die roten Fäden unseres Lebens nun kreuzten und dieser Moment genossen werden sollte. Offensichtlich wer der Kerl selbst unter dem Einfluss von Psychedlika, und rein bewusst gefiel mir sein Gedanke sogar, dennoch wirkte er sehr merkwürdig auf mich was es etwas erschwerte diesen Gedanken tatsächlich umzusetzen. Glücklicherweise gingen wir dann auch bald wieder zurück und es ging mir wirklich bald wieder etwas besser.

Nun sollten Gurke und ich aber wirklich das Gelände verlassen, die Sonne war schon hinter den Baumkronen verschwunden und man konnte sehen wie sich der Schatten langsam Richtung Anhöhe bewegte. Auf dem Weg dorthin fanden wir 2 Frauen die am Wegesrand lagen und offensichtlich selbst auf irgendeiner Substanz waren. Es gab mir etwas Ruhe zu sehen dass ich nicht der einzige war dem der ganze Trubel dort unten zu viel wurde. Oben angekommen setzten wir uns und unterhielten uns ein wenig über den bisherigen Verlauf des Wochenendes.





Der dritte Tag Teil 2 - Über dem Limit

Ich genoss die Stille der Umgebung und wie friedlich das Gelände von hier oben aussah. Kurze Zeit später kamen einige Besucher an uns vorbei die uns ihr Eis anboten welches sie nicht mehr wollten. Schöner konnte es in diesem Moment kaum werden. In der Natur sitzen, den Sonnenuntergang über eine wunderschöne Landschaft betrachten und dabei Eis essen. Dies war der Punkt an dem ich nun Frieden mit mir selbst fand, nun konnte ich mich wirklich auf den Trip einlassen. Hier gab Gurke auch den Denkanstoß der dazu führte dass ich diesen Bericht nun schreibe und veröffentliche. Wir gingen bald zurück da es Gurke nun langsam zu kalt wurde, und bevor wir nun „Floorwärts“ gehen würden wollte er noch ein wenig Zeit mit Marko im Camp verbringen der uns nicht mehr auf den Floor begleiten konnte. Unsere unangenehmen Gäste waren leider immer noch da, aber zu meiner Überraschung leisteten sie meiner Bitte sich etwas zurückzunehmen folge. Die Zeit dort blieb also erträglich. Bevor wir dann nun zum Floor gingen aßen wir noch etwas an einem der Stände, und dann sollte es losgehen. „Stampfen“.

Bereits beim Betreten des Geländes hatte ich meinen Gehörschutz eingesetzt und dieses Mal schien mir die Menschenmasse weit weniger bedrohlich als noch am Vortag. Das typische Einigkeitsgefühl des LSD tat sein bestes. Also folgte ich Gurke vorsichtig auf den Main Floor wo wir dann gemeinsam ein wenig tanzten. Hätte er mir vor 2 Wochen gesagt dass ich freiwillig eine Tanzfläche betreten würde hätte ich ihn für bescheuert erklärt. Aber wenn er mir gesagt hätte dass ich nachdem er gehen würde sogar mit den Worten „Ist grad ne krasse Energie hier, ich bleib noch“ meine erstbeste Fluchtmöglichkeit ablehnen würde – ich hätte ihn schallend laut ausgelacht. Plot Twist: Genau so kam es nun aber. Ich schloss die Augen und die Musik trieb die bunten Bilder vor meinem geistigen Auge immer weiter voran. Ich tanzte immer am Rande der Erschöpfung, doch ich genoss es. Wie der Takt durch mich hindurch pulsierte und immer neue Farben, Muster und Formen hervorbrachte. Zeitweise hatte ich bunte Fäden die glühend mit meinen Fingern verbunden waren und existierte innerhalb der Musik wie eine Art Puppenspieler. Auch das war eine Erfahrung von der ich nie geglaubt hätte sie mal zu machen. Die häufiger vorkommenden Kollisionen und ungewollten Berührungen anderer empfand ich als sehr unangenehm, aber ich hatte schlicht keine Zeit mich damit zu befassen da die Musik mich nach jeder Unterbrechung sofort wieder einfing.

Als ich später zu unserem Liegeplatz oben am Berg hoch kam lag Gurke dort und war bereits eingeschlafen. Es ging mir gut, also entschied ich ihn schlafen zu lassen so lange dies so bleiben würde. Ich legte mich ebenfalls hin, schloss die Augen und genoss einfach nur die vielen Bilder die sich vor mir aufbauten und immer weiter in neue Bilder übergingen. Ab und zu schaute ich auf die Masse unten am Berg, nicht ganz glaubend dass ich tatsächlich für einen Moment „einer von ihnen“ gewesen war, beobachtete die sich das Plasma der Flammen der Feuershow in die Dunkelheit auflöste und bewunderte das Lichtspiel. Nur um daraufhin wieder die Augen zu schließen und mich wieder ganz meinem eigenen Farbenspiel hinzugeben. Zwischendurch kam Larry noch mit einer Begleiterin vorbei und ich war mir nicht sicher ob ich mir seine Kieferspasmen einbildete, es stellt sich am Sonntag heraus dass ich dies nicht tat. Trotzdem war ich viel zu sehr abwesend und Gurke zu Müde um mit den beiden zu interagieren, sodass sie auch bald wieder verschwanden. Ich lag noch einige Zeit so da, merkte aber wie mir die Musik langsam wieder zu viel wurde als der Trip langsam abklang. Ich weckte Gurke kurz um ihm zu sagen dass ich gehen würde und er sich keine Gedanken machen zu bräuchte, deckte ihn mit der Decke auf der ich lag zu da es schon eher kalt wurde und verschwand vom Platz.

Unten angekommen geriet ich in eine große Menschenmenge die mir auf einmal sogar viel bedrohlicher vorkam als zuvor, und musste mich deutlich zusammenreißen um nicht in Panik zu geraten. "Wo soll ich hin? ich muss hier raus!" Ich entschied mich zur sogenannten Healing Area zu gehen, einem ruhigeren Ort in Richtung der Zeltplätze. Immer mehr spürte ich die Belastung, die dröhnenden Bässe die mich selbst aus der Entfernung mit dem Gehörschutz (den ich an diesem Abend gar nicht mehr abnehmen sollte) noch beinahe wahnsinnig machten. Die völlige Entfremdung von all den Leuten um mich herum, überall Bewegung, Lichtermeer. Am liebsten hätte ich in diesem Moment einen dunklen und völlig schallisolierenden Raum als Rückzugsort gehabt, aber mir war klar dass es in diesem Moment für mich keinen Rückzug mehr geben würde. Auf dem Zeltplatz ist Lärm und Gewusel, hier war er, und das Gelände verlassen war um diese Zeit keine Option mehr da ich mich verlaufen und erfrieren könnte. Ich hoffte in einem der Ruhezelte in der Healing Area einen Liegeplatz zu finden, jedoch war es dort sehr voll und mir zu diesem Zeitpunkt mich dort hinzulegen und evtl. noch mit einem der Menschen dort interagieren zu müssen. So lief ich erst mal lange auf und ab, bevor ich an einem Pommesstand stehen blieb um doch noch etwas zu essen.

Aber etwas stimmte nicht, selbst dort hin zu gehen und einfach nur eine Bestellung zu tätigen schien mir quasi unmöglich, ich brauchte etwa 10 Minuten nur um mich so weit zu sammeln um ein paar Worte für meine Bestellung raus bringen zu können. Dies war also nun der zweite Overload innerhalb von 2 Tagen. Und dann war das was sie da „Nice Fries“ nannten auch noch das wohl widerlichste „Essen“ welches ich mir jemals runter gewürgt hatte. Labbrige Pommes, Möhren in Streifen geschnitten und dazu Blumenkohl – Alles frittiert. Ich würgte mein "Essen" herunter, lief weiter auf und ab bis mir die Beine schmerzten, und setzte mich später auf einen großen Stein. Spätestens hier wurde deutlich wie sehr ich über das Limit gegangen war: Ich begann zur Beruhigung mit dem Oberkörper zu schaukeln. Zwar für meine Störung eigentlich ein bekanntes Merkmal, gehört dies aber normalerweise absolut nicht zu meinem für mich typischen Stimming. Ich saß da, nervlich völlig am Ende und fokussiert auf den kleinen Teich vor mir im Versuch mein Umfeld auszublenden. Währenddessen versuchte ich meine Gedanken auf das Gespräch mit Luigi zu lenken als positiven Fokuspunkt. Immer wieder spürte ich dabei diesen Impuls als müsste ich jeden Moment los heulen, aber wirklich dazu kommen tut es bei mir dann doch nie.

Sicherlich eine Stunde schaukelte ich so da. Später wechselte ich aufgrund der Kälte des Steines auf eine Hängeschaukel die in der Nähe stand, wo ich nochmal gut eine Stunde so schaukelte bis ich zumindest wieder einen klaren Plan verfassen konnte. Die Ruhezelte waren noch immer überfüllt, so entschied ich mich dazu stattdessen zum „Psy-Care“ Zelt zu gehen. Dieses würde zwar auch voll sein, aber die Leute dort schlafen da um diese Zeit nur, daher würde ich zumindest nicht viel interagieren müssen. Zum Camp wollte ich in diesem Zustand auf keinen Fall zurückkehren. Bei Psy-Care angekommen war es wie erwartet auch sehr voll, aber ich fand noch einen Liegeplatz auf dem ich niemanden ungewollt berühren müsste, das wäre auch zu viel gewesen. Einige Zeit lag ich einfach nur da um mich noch ein mal an die dortige Situation gewöhnen zu können, beobachtete ein wiederkehrendes Lichtermuster welches an die Decke projeziert wurde, schlussendlich obsiegte doch aber die Erschöpfung und ich legte mich auf die Seite.

Dort lag ich gefühlt etwa 5 Minuten, ich zwinkerte noch einige Male und urplötzlich schien auf einmal Sonnenlicht durch den Eingang. Gleichzeitig waren die meisten Leute die grade noch da lagen plötzlich verschwunden. Scheinbar hatte ich wohl tatsächlich geschlafen, aber es fühlte sich an wie ein direkter Zeitsprung.





Der letzte Tag - Hat verstanden

Hier lag ich nun also, 8:00 morgens, etwas desorientiert und immer noch ziemlich fertig mit den Nerven. Ich raffte mich auf, zog meine Schuhe wieder an und verließ das Zelt. Die Sonne schlug mir wie eine Faust ins Gesicht und langsam realisierte ich wieder wo ich war und was ich wohl zu tun hatte. Also machte ich mich auf den Weg zurück zu unserem Camp und nahm auf dem Weg noch eine Möhre an der Bootschaft (Kein Tippfehler) mit. Oben angekommen fand ich dort Gurke, Anni und Luigi vor. Gurke begrüßte mich mit einem „Da bist du ja“. Scheinbar hatte er mich gesucht als ich nachts nicht in meinem Zelt lag. Also erklärte ich kurz wo ich gewesen war und setzte mich unter den Pavillon. Mein Sonnenbrand hatte mittlerweile die Stufe erreicht bei dem meine Nase bereits zu nässen begann und ich wollte eine Verschlimmerung dieses Zustandes um jeden Preis vermeiden . Zur Stärkung trank ich den Saft den ich am Tage zuvor gekauft hatte und der durch den kalten Boden sogar noch angenehm kühl geblieben war. Ansonsten vegetierte ich ohne viele klare Gedanken einfach für einen Moment lang so vor mich hin.

Erst kam Larry dazu, und dann nach und nach die anderen Bewohner des Camps. Irgendwann sagte Luigi dass er nochmal weg wolle um sich in eine anderen Camp niederzulassen, doch bevor er dies tun sollte wollte ich nochmal mit ihm sprechen. Mir war bewusst dass die meisten Menschen Wertschätzung durch bestimmte Gesten ausdrücken, jedoch sind diese mir leider nicht bekannt. Stattdessen hatte ich am Vorabend während meiner Schaukelphase einige kurze prägnante Sätze vorbereitet mit denen ich meine Wertschätzung für die gestrige Erfahrung auf meine Art ausdrücken wollte und dies nun auch tat bevor wir uns vielleicht nicht mehr wiedersehen würden. Dies nahm er ausdrücklich positiv auf und fragte mich zu meiner Verwunderung nach meine Telefonnummer um vielleicht Kontakt zu halten. Das war neu. Noch nie zuvor hatte Jemand den Wunsch geäußert ausgerechnet mich kennen lernen zu wollen, selbst wenn ich zuvor schon mal der Meinung gewesen war mit manchen Menschen ein gutes Gespräch geführt zu haben. Merkwürdig. Zwar konnte ich grade nicht damit dienen da die neuen SIM Karten die Nummer nicht mehr lokal gespeichert haben, aber stellte fest dass wir in der selben Whatsapp Gruppe waren, worüber wir uns nach dem Event also finden könnten. Ich wünschte ihm noch viel Spaß und so trennten sich unsere Wege.

Ich beobachtete ein wenig die Gespräche im Camp und wartete darauf dass die Zeit vergeht. Später sollten wir alle nochmal zum Gelände laufen da Anni noch Jemandem eine neue Sonnenbrille schuldete und die meisten noch ein letztes mal auf den Floor wollten, Gurke und ich kehrten jedoch wieder zum Camp zurück und tauschten uns dort ein wenig über den gestrigen Tag und die Veranstaltung im Gesamten aus. Auch wenn ich mehrfach die eigene Grenze überschritten habe, so habe ich doch im Verlauf dieser 4 Tage auch so einiges gelernt und erfahren. Unter anderem musste ich anmerken dass es den Drogenkonsum betreffend, aber auch abseits davon eine interessante Erfahrung war einem Fremden so viel Vertrauen entgegenbringen zu können dass er auf einen aufpassen würde. Ohne dieses wäre es mir gar nicht möglich gewesen mich in dieser überfordernden Umgebung überhaupt auf eine dieser Substanzen einlassen zu können. Luigi kam noch einmal zurück um irgendwas zu holen (denke ich) und sprach mich nochmal darauf an dass meine vorigen Worte wirklich bewegt hätten, was ich etwas unsicher darüber wie ich darauf reagieren solle mit einem vorsichtigen „Freut mich“ entgegnete. So schnell wie er kam verschwand er aber auch schon wieder.

Mittlerweile war es schon Mittag geworden und ich hatte langsam das Bedürfnis mit dem Packen zu beginnen, Gurke entgegnete jedoch dass wir erst um ca. 16 Uhr fahren würden und es daher noch nicht lohne. Stattdessen hörten wir einfach nur ein wenig Musik, klärten ein paar organisatorische Dinge und versuchten etwas zu entspannen, Wir spielten eher ruhige Musik und immer wieder war da dieser Heulimpuls, so als hätte irgendwas an der gestrigen Erfahrung mich empfänglicher für die traurigen Töne der Lieder gemacht. Irgendwann holte Gurke nochmal seine Gitarre hervor und begann etwas zu spielen. Es dauerte nicht lange bis sich ein völlig fremdes Pärchen zu uns setzt und Gurke bat etwas bestimmtes zu spielen damit sie ein wenig dazu singen konnte. Letztlich führte das da Gurke die entsprechenden Lieder nicht kannte dazu dass die Frau mit irgendwelchen witzigen Verrenkungen signalisieren wollte welche Akkorde er jeweils zu spielen hat und nach einigem Training klappte dies sogar. Ich war erstaunt wie einfach manche Menschen aufeinander zu gehen konnten um einen kurzen Augenblick miteinander zu teilen.

Ihre Stimme hatte etwas beruhigendes und schönes für sich, sodass ich wenn ich auch selbst nicht beteiligt war einfach nur den Moment genoss der wie eine kurze Ewigkeit schien. Überall um uns herum begannen Leute damit die Zelte abzubrechen und langsam aber sicher trudelten auch unsere Leute wieder im Camp ein. Nun begannen auch wir langsam den Platz zu räumen. Das Camp wurde penibel aufgeräumt. Alles wurde auf verschiedene Müllsäcke aufgeteilt sodass wir auch alle unser Müllpfand bekommen würden und daraufhin begann der Abbau. Aus dem was vorher an ein Schlachtfeld erinnerte wurde allmählich wieder ein völlig unscheinbarer Acker an dem kaum etwas darauf hinwies das wir je auch nur für einen Moment lang hier existierten. Immer wieder sprachen alle durcheinander wer noch für wen irgendetwas mitnehmen sollte. Das Packen erwies sich für mich als etwas umständlicher als auf der Hinreise, sollte aber alles in allem dennoch recht reibungslos ablaufen. Als wir uns dann auf den Weg zur Müllabgabe macht fiel mir auf dass auch die vielen anderen bereits geräumten Camps sich in nahezu perfektem Zustand befanden, eine weitere Erfahrung die ich so von einem anderen „festivalähnlichen“ Event welches ich früher mal besuchte nicht kannte und etwas verwundert anmerkte.

Die Abgabe war leider etwas wuselig und unkoordiniert, was dazu führte dass Gurke seinen Müllpfand nicht zurück erhielt – Aber er schien auch kein Interesse zu haben deswegen nochmal hinzugehen. Zurück im Camp ging es dann ans verabschieden als die ersten Leute so langsam abfuhren. Also wieder Knuddelalarm. Nach und nach kamen die Leute herum, man wünschte sich eine gute Heimreise und dann zog man von Dannen. Ich hatte vor mich schon mal zum Eingang zu bewegen wo ich Schatten finden würde bis die restlichen unserer Mitfahrer nachkommen würden, aber daraus sollte nichts werden. Ich hatte meinen Rucksack mit all dem Gepäck schon aufgesetzt da sprach mich Axel an wie ich denn so mein erstes Festival erlebt hätte. „Heftig“ fiel mir als einzige Antwort ein. Es hatte schöne Seiten an die ich mich mit Sicherheit lange erinnern werde, gleichzeitig war es aber auch mehrfach völlig überfordernd. Wir unterhielten uns noch ein wenig über die Musik die ich zuvor nicht verstand, mir nun aber ihrem Zweck bzw. ihrer Energie bewusst geworden war. Und obwohl wir während des Festivals gar nicht mal so viel miteinander zu tun hatte sagte er dass er sich freuen würde mich hier an diesem Ort mal wieder zu sehen. Äußerst merkwürdig. Axel, der aus unserem Camp wohl der einzige Fan der härteren Spielrichtungen des Psytrance wie Hi-Tech oder Forest war, versuchte außerdem mich mehr für diese Subgenres zu begeistern, welche mir dann aber doch ZU schnell und intensiv sind. Auch wir verabschiedeten uns und die 5 von uns die noch übrig waren zogen in Richtung Eingang wo wir den Shuttlebus zurück zum Bahnhof nehmen sollten.

Gurke warnte mich vor dass es in diesen Bussen sehr voll werden würde, und selbst dies war noch untertrieben. Zwar trug ich hier nun endlich wieder meine Kopfhörer mit der ich meine Umgebung zumindest auditiv ausblenden kann, trotzdem wollte ich bereits nach 2 Minuten alles in einem Umkreis von 2 Metern um mich herum einfach nur noch ausrotten. Und da hatte ich noch 90% der Fahrt vor mir. „Konzentration. Atmen. Das ist gleich wieder vorbei“. Gebannt starrte ich aus dem Fenster und laß jedes Straßenschild welches ich finden konnte. Am Bahnhof angekommen wechselten wir nach einer kurzen Raucherpause in die Bahn die natürlich auch recht voll war. Glücklicherweise fanden wir dennoch Sitzplätze und nun konnte ich mich wieder ein wenig isolieren. An Gurkes Zielbahnhof würden ein Großteil der Leute aussteigen und ab da hätte ich eine ruhige Restheimfahrt. Bis dahin sprachen wir nicht mehr viel. Auch Gurke schien sich ein wenig isolieren zu wollen, was mir nur Recht war.

An seinem Ziel angekommen verabschiedeten auch wir uns. Eine letzte Umarmung, ein Danke für alles, eine angenehme Heimreise, wir würden morgen nochmal schreiben. "Machs gut!" Den Rest des Heimweges begann ich damit zu verarbeiten was die letzten Tage geschehen war. Auch dieser Bericht ist Teil dieses Prozesses, aber sicherlich nicht das Ende.

Zu Ende ist hier nur diese Geschichte.

Ich hoffe dass euch dieser "kleine" Bericht gefallen hat.

Wenn nicht dann auch nicht schlimm ¯_(ツ)_/¯

Einen ganz besonderen Dank möchte ich auch erneut an Gurke aussprechen, der einen nennenswerten Teil seiner eigenen Erfahrung opferte um mir als einem völlig Fremden die meinige überhaupt erst zu ermöglichen. Eine Erfahrung fürs Leben. Obwohl du mit deiner Gruppe eine Dynamik hattest der ich oft nicht so recht zu folgen wusste warst du jederzeit in der Lage mit mir sehr ruhig und rational umzugehen was mir eine ungeahnte Sicherheit gab. Zwar scherzte ich am Anfang bloß ein wenig als ich sagte dass du nun mein „designierter Anker“ seist, aber tatsächlich warst du dann auch genau das. Und auch auf die Gefahr hin dass dies nun ein wenig pathetisch klingt:

Du bist wirklich eine außergewöhnliche Persönlichkeit.

Danke für alles!






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